110-Ian McEwan, Blur und Grzimek

Neuigkeiten
Eric Clapton wurde 70!
Helmut Dietl gestorben.
Günter Grass gestorben.
Percy Sledge ist tot.
Klaus Bednarz verstarb mit 72
Ben E. King im Alter von 76 Jahren gestorben

Gelesen
Ian McEwanKindeswohl (Homepage)

Fiona Maye ist eine höchst angesehene Richterin am High Court in London. Verheiratet ist sie mit Jack, einem Geschichtsprofessor. Die beiden sind 35 Jahren verheiratet. Eigentlich ist also alles gut, man lebt so vor sich hin. Das große Feuer der Liebe brennt zwar nicht mehr zwischen den beiden, aber sie haben sich miteinander arrangiert. Deshalb fällt Fiona aus allen Wolken, als Jack ihr beichtet, dass er ihr Einverständnis für eine außereheliche Affäre will. Das ist die Rahmengeschichte. Es folgt die Geschichte in der Geschichte, also die um die es in diesem Fall eigentlich geht. Nämlich die, in der Fiona Maye die Richterin ist. Denn just in diesem Moment werden ihr eine Reihe bemerkenswerter Fälle vorgelegt: Zum einen ist da ein 17-jähriger, der an Leukämie leidet, und dringend eine Bluttransfusion benötigt. Aber seine Familie gehört den Zeugen Jehovas an, die Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ablehnen. Der Junge selber, lehnt eine Transfusion eben genau aus diesen Gründen auch ab. Doch ohne Transfusion wird er sterben. Fiona bleiben nun weniger als 24 Stunden um ein Urteil zu fällen, und somit zu entscheiden, ob der Junge leben oder sterben wird. Die verschiedenen Fälle und die Situation von Fiona sind natürlich miteinander vernüpft. Die Richterin auf der einen Seite, und die Privatperson auf der anderen Seite. Wie wird sich Fiona Maye also entscheiden? Was wird sie tun? Privat und beruflich.

Gehört
BlurThe Magic Whip (Homepage) (Spotify)

Da ist es also, das erste Album von Blur seit 12 Jahren. Nach dem Hören der ersten Stücke, die vor dem eigentlichen Album veröffentlicht wurden, konnte man weniger erwarten, als das was hier nun als Album vorliegt. Erfreulicherweise wurde es eine Menge mehr. Erinnert im Gesamtkontext eher an die späteren Blur. Man hätte ja ein bisschen befürchten können, sie orientieren sich vielleicht an den großen Erfolgen der 90er. Haben sie aber nicht gemacht. Gut. Hübsch auch, dass Graham Coxon sich zwar zurückhält, aber an den richtigen Stellen sehr hübsche Akzente setzt. Klar: Wer die Blur-Momente der 90er sucht, der findet sie natürlich auch. Und das ist auch gut so, denn es ist immerhin Blur. Wiedererkennen mag man sie dann ja doch gern. Sie haben etwas von früher genommen und mit dem gemischt, was Damon Albarn und Graham Coxon jetzt so machen. Ein wunderbares Album, tolle Melodien. Im Text geht es um Urbanität, um das moderne Leben und was es aus uns allen macht. Ein rundum gelungenes Album! Musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Wir hatten im letzten Jahr bereits Damon Albarn über den grünen Klee gelobt. Dieses Album schließ nahtlos daran an. Auch und vor allem weil Albarn in Coxon seinen kongenialen Partner wiedergefunden hat. Toll! Viel besser als Death Cab for Cutie. Hatte ich umgekehrt erwartet. Schön dass Musik einen immer wieder überrascht.

Zum 100. Geburtstag von Billie Holiday (Spotify)

Billie Holiday zählt zu den bedeutendsten Jazzsängerinnen ever. “Ich halte es nicht aus, ein und denselben Song an zwei aufeinander folgenden Nächten auf dieselbe Weise zu singen, geschweige denn zwei oder zehn Jahre lang. Wer dazu in der Lage ist, macht keine Musik. Sowas ist militärischer Drill oder Jodeln oder sonstwas, aber keine Musik.”, soll sie einmal gesagt haben. Das ist doch mal eine Aussage. Das polarisiert schon mal, etwas was Billie Holiday sehr gut konnte. Einer der Gründe warum sie auch heute noch, neben ihrer unfassbar tollen Stimme, so populär ist. Am besten zitiert man sie selber noch mal, das beschreibt sie besser als jeder andere Mensch es könnte. “Ich glaube nicht, dass ich singe. Ich improvisiere mit meiner Stimme wie auf einem Instrument, wie Lester Young, Louis Armstrong oder sonst jemand, den ich bewundere. Es kommt alles, wie ich’s fühle. Ich hasse es, ein Lied so zu singen, wie es auf dem Papier steht. Ich muss eine Melodie so ändern, dass sie zu mir passt. Das ist alles, was ich weiß.”

Gesehen
Grzimek (IMDb)

Bernhard Grzimek wurde am 24. April 1909 in Neiße in Oberschlesien geboren und verstarb am 13. März 1987 in Frankfurt am Main. Er war in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner regelmäßigen Sendung “Ein Platz für Tiere” eine bekanntesten Personen der BRD und für die Öffentlichkeit der Tierfachmann schlechthin. Er war Tierarzt, Verhaltensforscher, langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos, erfolgreicher Tierfilmer, Autor sowie Herausgeber von Tierbüchern. Sein Dokumentarfilm “Serengeti darf nicht sterben” wurde 1960 als erster deutscher Film nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Oscar ausgezeichnet. Und damit wäre die Handlung des Films auch schon beschrieben. Es geht in diesem Film um Grzimek und dessen Leben. Ulrich Tukur spielt Professor Grzimek, und das macht er wie fast immer grandios. Herrvorragend. Wunderschöne Bilder. Tolle schauspielerische Leistung. Man lernt hier etwas über das Leben des Herrn Grzimek, den man, wenn man denn alt genug ist, nur aus dem Fernsehen kannte, und ihn so Sachen sagen hörte wie: “Dieses possierliche Tierchen…”. Übrigens hat Tukur gar nicht erst versucht so zu sprechen wie Grzimek, das wäre dann wohl zu einer Persiflage verkommen und hätte dem Film nicht gut getan. So aber ist es eine sensible Darstellung von einem Mann geworden, die auch die Abgründe nicht auslässt. Die ein Bisschen an der manchmal allzu weißen Weste kratzt, ohne dabei moralisch zu werten. Grzimek ist nach Schauen dieses Filmes ein Bisschen Menschlicher geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Trailer Nummer II zum nächsten Star Wars!

Empfehlungen
Death Cab for CutieKintsugi (Homepage) (Spotify)
GusterEvermotion (Homepage) (Spotify)
EelsRoyal Albert Hall  (Homepage) (Spotify)

– 05.05.2015 um 20.10 Uhr im DLF:  Hate Radio. Der Massenmord, der sich 1994 in Ruanda ereignete, hatte einen “Soundtrack”, und der kam aus dem Radio.
– 09.05.2015 um 20.05 Uhr im DLF: “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque
– 12.05.2015 um 20.10 Uhr im DLF:  Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden – Das Hörspiel handelt von einem orthodoxen jüdischen Paar aus Jerusalem und einem säkularen jüdischen Paar, das in Kalifornien lebt. (Auf der Website des DLF steht hier irrtümlich 11.05.2015, also aufpassen, dass man es nicht verpasst)

– Soundcloud mit spontaner Re:publica-Liveberichterstattung vom 5.-7. Mai: https://soundcloud.com/diestroemung

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109-Mozart, Brahms und Fauré

Neuigkeiten
Pierre Boulez ist 90!
Frühlingspause der Feuilletöne im April
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Neue Folge des Klangspektrums

Gehört – Requiem Special
Ein Requiem ist (war) erst einmal nichts anderes als eine Messe für Verstorbene. Sie wurde mit gregorianischen Gesängen unterlegt. Im Laufe der musikalischen Entwicklung des Requiems löste es sich immer mehr vom kirchlichen Kontext und wandelte sich zu einer eigenen musikalischen Form, die z. T. auch komplett ohne klerikalen Kontext auskommt. Da es hier Chor, Solostimmen und Orchester gibt, können Komponisten hier so richtig zeigen, was sie können. Wir wollen die Entwicklung von der musikalischen Untermalung einer Totenmesse bis zur endgültigen Befreiung vom kirchlichen Kontext aufzeigen. Drei Teile, welche in loser Reihenfolge aufeinander folgen werden, sollen diese Entwicklung aufzeigen. Dieser Teil behandelt die Zeit, in der sich Komponisten langsam über die Vorgaben der Kirche hinweg setzen.

Wolfgang Amadeus Mozart Requiem d-Moll KV 626
– Harnoncourt/Concentus Musicus Wien (Homepage)/Schönberg Chor (Homepage) (Spotify)

Das Requiem stammt aus dem Jahr 1791 und war Mozarts letzte Komposition. Obwohl es wohl nur zu ca. zwei Dritteln von Mozart stammt, ist es eines der beliebtesten Requien und eines der Werke von Mozart, welche am meisten geschätzt werden. Mozart starb während der Komposition und konnte es somit naturgemäß nicht zu Ende bringen. Da das Ehepaar Mozart bereits seit Jahren in finanzieller Not war, beschloss die Witwe Constanze Mozart Joseph von Eybler und Franz Xaver Süßmayr, beides Schüler von Mozart, zu engagieren, damit diese die Arbeiten an dem Werk abschließen mögen. Constanzes Behauptung zum Zeitpunkt von Mozarts Tod, die Arbeit sei kurz vor dem Abschluss entstanden, war mehr als optimistisch, führte aber lange zu der Annahme, Mozart hätte das Werk in seinen letzten Zügen mehr oder weniger zu Ende Komponiert. Welchen Umfang die nachträglichen Ergänzungen tatsächlich ausmachen, und was welcher Schüler wann geschrieben hat, das weiß man bis heute nicht so recht. Da Mozart während dieser Komposition starb, hatte das natürlich eine üppige Mythenbildung zu Folge. Hier ist, obwohl es sich um ein Auftragswerk handelt, die christliche Welt noch in Ordnung. Auch wenn Mozart durchaus in der Lage war sich mit Kirchenfürsten anzulegen wenn es um seine Kunst ging – der Kirche abgeneigt oder gar ungläubig war er nicht. Sein Requiem ist wohl das bekannteste und im Felde dieser drei Requien, was das Musikalische, Religiöse und Liturgische angeht, auch das konventionellste. Musikalisch ist es der Wiener Klassik zuzuordnen.

Johannes BrahmsEin deutsches Requiem op. 45
– Sir Roger Norrington/London Classical Players/Schütz Choir of London (Spotify)

Ein Deutsches Requiem ist der Titel dieses Werkes von Johannes Brahms, dabei ist es gar kein Requiem. Erstens war Brahms zumindest auf dem Papier evangelisch, zweitens hält sich das Werk nicht mal ansatzweise an die Liturgie eines Requiems, geschweige denn an sonst irgendwas und drittens war er, wie er selbst sagte, bibelfester Atheist. Wie bei Fauré steht auch hier der Trost der Hinterbliebenen im Mittelpunkt. Um das zu untermauern hat  Brahms dafür Texte des Alten und Neuen Testaments der Lutherbibel und Texte, die nicht aus dem biblischen Kontext stammen, ausgewählt. Er verzichtet wie Fauré auf Gottes Zorn und das jüngste Gericht. Es sollte keine Trauermusik für die Toten, sondern Musik zum Trost für die Lebenden sein. Wenn es aber kein Requiem ist, was ist es dann? Musikalisch könnte man es als Oratorium bezeichnen, da fehlt dann aber die durchgehende Handlung, sprich die dramatische Komponente. Der Text spricht eher für eine der frühen evangelischen Motetten, da passt dann aber die Musik wieder nicht hinein. Aber was ist es dann? Antwort: Nichts. Es ist nichts. Dieses Werk entzieht sich einer Einordnung in irgendeine musikalische Gattung. Wenn man die Biographie des Herrn Brahms ein wenig kennt, und somit seinen Charakter ein wenig einzuordnen vermag, kann man sich die Freude bei Brahms hierüber vorstellen. Die ersten drei Sätze wollte man in Wien nicht spielen und so wurde das Werk an einem Karfreitag, dem 18. April 1868 im Bremer Dom St. Petri unter Leitung von Brahms aufgeführt. Hier fehlte der später hinzugefügte fünfte Satz. Mit fünftem Satz wurde das Werk am 18. Februar 1869 das erste Mal im Leipziger Gewandhaus aufgeführt. Musikalisch ist dieses Werk in der Romantik verwurzelt.

Gabriel FauréRequiem op. 48
– Philippe Herreweghe/Ensemble Musique Oblique (Homepage)/La Chapelle Royale (Spotify)

Fauré respektierte und bewunderte zwar gläubige Menschen, wie er überhaupt eine sehr differenzierte Betrachtungsweise an den Tag legte, was die Dinge die ihn umgaben anging, doch er selbst war Agnostiker. Trotz alledem wurde er 1877 Chordirektor der Kirche La Madeleine in Paris. Als solcher lernte er naturgemäß das ziemlich umfangreiche Repertoire geistlicher Chormusik kennen und befand, dass ihm das alles nicht gar zu sehr zusagte. “Ich begleitete Trauergottesdienste auf der Orgel nun schon so lange! Das reichte mir allmählich! Ich wollte etwas anderes machen!” Und so komponierte er sein Requiem 1887, welches dann am 16. Januar 1888 in La Madeleine zu einem Begräbnis das erste Mal aufgeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur fünf Sätze (“Introitus et Kyrie”, “Sanctus”, “Pie Jesu”, “Agnus Dei” und “In Paradisum”) und Faurés Textauswahl legte besonderen Wert auf Ruhe und Frieden und enthielt keinen einzigen Verweis auf das Jüngste Gericht. Im Anschluss fügte Fauré noch das Offertoire und das Libera me, was schon sehr viel früher geschrieben wurde als das eigentliche Requiem, hinzu.  Diese Version wurde am 21. Januar 1893 zum ersten Mal aufgeführt, ebenfalls in La Madeleine, mit Fauré als Dirigent. Zwischen 1899 und 1900 wurde es dann von einem seiner Schüler für großes Orchester orchestriert. Diese Version wurde am 12. Juli des Jahres 1900 im Zuge der Pariser Weltaustellung aufgeführt. 1924 wurde diese Version dann auch zum Tode des Komponisten aufgeführt. Die Version, um die es hier gehen soll, ist die Version von 1893. In diesem Requiem geht es weniger um die Angst vor dem himmlischen Strafgericht, vielmehr ist es vom Trostgedanken durchdrungen. Die Musik hat fast meditativen Charakter, und ist irgendwo zwischen Romantik, Klassik, Renaissance und Moderne einzuordnen. “Es ist so sanftmütig wie ich selbst”, sagte er einst über dieses Werk.

Das erwartet euch nach der Pause u. a.:

– Das neue Tocotronic Album
– Ian McEwan und Kindeswohl
– Das neue Death Cab for Cutie Album
– Milan Kundera und Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
– Ólafur Arnalds und Alice Sara Ott mit dem Chopin Project
– Franz Kafka und Blumfeld, ein älterer Junggeselle
– Das neue Album von Chilly Gonzales

Empfehlungen

– Del Bel – Del Bel (Homepage) (Spotify)
– Of Montreal Aureate Gloom (Homepage) (Spotify)
– Augostino SteffaniNiobe, Regina Di Tebe – (Spotify)
Hiob Gesicht Gottes von Michael Farin nach einem Text von Thomas Harlan. Gesprochen wird das Ganze von Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, am 3. April 0.05 Uhr im DRadioKultur
Die Befristeten von Elias Cannetti 5. April 18.30 Uhr im DRadioKultur
– Feature: Lady Day. Zum 100. Geburtstag von Billy Holiday. Das Leben der Billy Holiday. Am 7. April um 19.15 Uhr im DLF
Party im Blitz/Die englischen Jahre von Elias Cannetti 6. April 18.30 Uhr DKultur
Die Kontrakte des Kaufmanns. Hörspiel von Elfriede Jelinek. Am 13. April 0.05 Uhr im DKultur. Zweite Teil am 20. April um 0.05 Uhr. Dritter Teil am 27. April um 0.05 Uhr. Vierter Teil am 4. Mai um 0.05 Uhr. Fünfter Teil am 11. Mai 0.05 Uhr. Sechster Teil am 18. Mai um 0.05 Uhr
Feature: Bigger than Hip-Hop. Vom Ghetto zum Milliardengeschäft.  26. April um 20.05 Uhr im DLF

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108-Neues von Gott, Afrodiziak und Marco at Work

Neuigkeiten
Mike Porcaro verstorben
Am 29. März ist zum ersten Mal Piano Day \o/
Andy Fraser ist ebenfalls tot

Gelesen
Funny van DannenNeues von Gott (Homepage)

Was ist das denn? Das dürfte so ziemlich bei jedem die Reaktion sein, der die Art der Literatur die Funny van Dannen pflegt zum ersten Mal liest. Dieses Buch beinhaltet insgesamt 41 Kurzgeschichten, die skuriller zum Teil nicht sein könnten. Das der Ex-Bundeskanzler Schröder fragt, ob er im Garten zelten könne, ist noch eher eine “normaleren” Geschichten. Es geht um einen Staubsauger, der um die Welt fliegt, um eine Staubsaugerin zu finden und sich dabei mit Steinen unterhält, um den Herbst, der von gelben Astern ausgelacht wird, das Gott Menschen einsperrt um eine Familie zu gründen. Man lernt, woher die Redewendung “über Leichen gehen” wirklich kommt, liest über Flugzeuge, die Hans heißen und sprechen können, das die heiligen drei Könige aus Versehen in Berlin landen weil der Bordcomputer nicht richtig funktionierte. Ach ja, und Petrus muss den Himmel kurzzeitig dicht machen, weil gerade einfach zu viele Meerschweinchen da sind. Dass Gegenstände oder auch Jahreszeiten sprechen, muss wohl nicht weiter erwähnt werden. Die Geschichtchen sind selten länger als 4-5 Seiten, das heißt, man kann auch einfach mal nur eine kleine Geschichte lesen und ein paar kurze Minuten mit dem Buch verbringen. Wie schon bei Distelmeyer, spielt auch hier der musikalische Teil des Künstlers eine nicht unwichtige Rolle. Wer die Lieder von van Dannen ein wenig kennt, wird mit sich in diesen Texten schnell zurechtfinden. Die Geschichten wirken zum Teil ein wenig wie Fabeln. Desto länger man liest, desto mehr fängt man an über den vordergründigen Blödsinn an nachzudenken. Man kann das Buch aber einfach auch nur lesen und über den herrlichen Blödsinn lachen, der da verzapft wird.

Gehört
Mar-Khalifé (Homepage)/Schumacher (Homepage)/Tristano (Homepage) – Afrodiziak (Spotify)

Voller Energie, neu und doch nicht unzugänglich. Drei gestandene Musiker, die alle in ihren jeweiligen musikalischen Gefilden zum besten gehören was es zur Zeit gibt, bilden also nun ein Trio. Jeder einzelne dieser drei Musiker ist dafür bekannt Genreübergreifend zu musizieren. Nun haben sich drei der interessantesten Musiker zusammen getan um neues zu schaffen. Was dabei rauskommt ist zum Teil lyrisch meditativ. Ruhige Passagen gibt’s da, die zum träumen einladen. Zum Teil ist es modern und treibend. Passagen also, die zum Tanzen einladen. Und dann gibt’s da noch die klassischen Improvisationen des Jazz, auch die kommen vor. Die laden dann immer wieder zum Staunen ein. Klassischer Jazz meets elektronische Instrumente und Arrangements, so dass man den klassischen Jazz kaum erkennen mag. Dann wiederum klassische Elemente des Jazz, wie klassisches Songwriting und Improvisationen. Hier wird der Jazz eingebettet in moderne Kompositionen, die dann Stücke ergeben, die man erstmal gar nicht im Jazz vermuten würde. Dieses Album ist sowohl was für Jazzfreunde, als auch für die die mit dieser Musik nichts anfangen können. Mal wieder ein Album welches beweist, dass der Jazz noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Dazu:
Pascal Schumacher – Left Tokio Right (Homepage) (Spotify)
Bachar Mar-Khalifé – Who’s gonna get the Ball from behind…(Homepage) (Spotify)
Francesco Tristano – BachCage (Homepage) (Spotify)

Gesehen
Jophi RiesMarco at Work (Homepage)

Ein Künstler, gespielt von Jochen Nickel, versucht in seinem Atelier ein Kunstwerk zu klöppeln, das will ihm aber partout nicht gelingen, also versucht er mit Alkohol nachzuhelfen. Das ist im großen und ganzen der Plot dieses 10 Minütigen Kurzfilmes. Hört sich langweilig an? Wäre es bestimmt auch. Wenn da nicht Jophi Ries wäre der das ganze in Bilder umgesetzt hat. Die ganze Zeit wird eine Spannung aufrechterhalten, die bis zum Ende des Filmes trägt.

Empfehlungen
Markus Becker – Kiev Chicago (Homepage) (Spotify)
Jimmy Somerville – Homage (Homepage) (Spotify)
Modest MouseStrangers to Ourselves (Homepage) (Spotify)

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107-Neil Gaiman, The Unthanks und Sleepy Hollow

Neuigkeiten
Domian hört auf.
Terry Pratchett ist tot
Star Wars – Episode VIII kommt am 26. Mai 2017 in die Kinos 

Gelesen
Neil GaimanThe Ocean at the End of the Lake

Da möchte Neil Gaiman seiner Frau in ihrer Abwesenheit eine kleine Novelle schreiben – und was kommt heraus? Ein Roman. The Ocean at the End of the Lane handelt von einem namenlosen Mann, der zum Anlass einer Beerdigung in die Gegend zurück kommt, in der er aufgewachsen ist. Als Junge hat er hier eine gewisse Lettie Hempstock kennen gelernt, die behauptete, ihr Teich sei ein Ozean und ihm half, sich und seine Familie vor einem größenwahnsinnigen Monster aus einer anderen Welt namens Ursula Monkton zu bewahren.

Gaiman versteht es wie kein zweiter, Märchenelemente zu gleichsam wundervollen wie verstörenden Geschichten zu schreiben und dabei durch seine vielschichtige, clevere Erzählweise den Leser tief hineinzuweben. The Ocean at the End of the Lake (zu Deutsch einfach: Der Ozean am Ende der Straße) ist eine Geschichte über den Bruch zwischen Kindheit und Erwachsensein und die Märchen, die wir uns darüber lieber erzählen als die Wahrheit, die zu vergessen wir mit der Zeit erschreckend gut meistern. Die “Monster unter dem Kinderbett“, die immer näher sind, als wir es wahr haben wollen, sind Gaimans Spezialität und mit diesem Roman legt er ein (weiteres) Meisterwerk seines Könnens vor.

Gehört
The UnthanksMount in the Air (Homepage) (Spotify)

Ein wenig Jazz und viel Folk wird auf diesem Album in wundersamer Weise kombiniert. Allerdings ist man weniger auf der Sonnenseite der Musik unterwegs. Auf diesem Album geht es traurig und dunkel zu. Sollte sich doch einmal ein Dur Akkord in ein Lied verirren, lauert schon der Moll-Akkord an der nächsten Ecke, um dem Spuk des Dur ein jähes Ende zu bereiten. Textlich geht es auf diesem Album ebenfalls dunkel, tragisch, bitter und melancholisch zu. Traditionelle Geschichten vermischt mit traditionellen Gesang und modernen Arrangements, dazu noch eine Prise Miles Davis Cool Jazz Sound. Das sind die Zutaten, die auf diesem Album zum tragen kommen. Was dabei rauskommt ist ein sehr spannendes Album mit Stücken die auch mal bis zu 10 Minuten lang sein dürfen. Aufgenommen wurde das ganze in einem alten Getreidespeicher. Selten wurde alt und neu so spannend, so neu und doch so traditionell verpackt. Ein spannendes Album. Wenn Antony and the Johnsons und Miles Davis sich getroffen hätten, und sie hätten beschlossen gemeinsam ein traditionelles Folkalbum aufzunehmen, wäre vielleicht so was ähnliches wie dieses Album dabei herausgekommen.

Gesehen
Sleepy Hollow (IMDb)

Übernatürliche Dramen sind ein Genre, das dank besser bezahlbarer CGI und höheren Serienbudgets in den Studios in den letzten 10 Jahren viele gute Geschichten mit riesigen Fanzahlen hervorbringen konnte. In diesem Kontext entstand bei Fox vor eineinhalb Jahren Sleepy Hollow. Die Serie folgt Ichabod Crane, gespielt von Tom Mison, der im Jahre 1781 als Spion für George Washington den sogenannten Kopflosen Reiter tötete – und zwar im selben Moment, wo dieser wiederum ihn tötete. 230 Jahre später weilt Ichabod plötzlich wieder unter den Lebenden, als jemand den Kopflosen, einer der vier Apokalyptischen Reiter, heraufbeschwört. Polizistin Abbie Mills gerät in die Geschichte, als der Reiter ihren Partner tötet und tut sich mit Ichabod zusammen, um weitere Morde und – wie könnte es anders sein – gleich auch das Ende der Welt zu verhindern.

Die Witze rund um Crane’s veraltetes Weltbild fallen weniger flach aus als erwartet, auch wenn er sich zunächst wundert, wie eine Frau, noch dazu eine schwarze, erstens Polizistin werden und zweitens ihm auch noch Befehle geben darf. Tatsächlich wird es bei seiner Arbeit aber mit der Zeit eine seiner zentralen Stärken, dass er die Welt eben anders sieht als ein Mensch aus dem 21. Jahrhundert. Leider trösten die beiden tatkräftigen Hauptfiguren nicht über den restlichen furchtbar austauschbaren Cast (Ausnahme: John Cho) und die etwas wirren weil sehr vollgestopften Drehbücher hinweg. Sleepy Hollow ist sicherlich ein Augenschmaus für Freunde des Gruselhorrors und origineller Actionszenen, in der Königsliga der TV-Dramen spielt es aber – noch – nicht mit.

Empfehlungen
Sasha Siem – Most of the Boys (Homepage) (Spotify)
Katzenjammer – Rockland (Homepage) (Spotify)
Desiree Klaeukens – Wenn die Nacht den Tag verdeckt (Homepage) (Spotify)
Peaky BlindersARTE

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106-Jochen Distelmeyer und Robert Schumann

Neuigkeiten

Fritz J. Raddatz gestorben.
Mr. Spock ist ebenfalls tot.
ESC-Vorentscheid-Teilnehmer mag nicht, oder so
Richtigstellung bezüglich Suhrkamp und Baal.

Gelesen

Jochen Distelmeyer – Otis

Das Buch ist benannt nach ‘Outis’ (griechisch für ‘Niemand’), eines Namens dessen sich Odysseus in Homers gleichnamigen Epos gegenüber dem Zyklopen Polyphemus bemächtigt hat, um dem sicheren Tode zu entgehen. Die Handlung spielt im Jahre 2012. Der Hauptcharakter in dem Buch heißt Tristan, ein nach der Trennung von seiner großen Liebe Saskia von Hamburg nach Berlin Geflohener. Er versucht sich dort als Buchautor und schreibt an einem Roman, der die ­Geschichte eines Programmierers erzählt, welcher wegen einer illegalen Filesharing-Plattform auf der Flucht ist. Das ganze soll obendrein mit Homers „Odyssee“ verwoben werden. Und auch für die kleinen und größeren Ereignisse im seinem echten Leben findet Tristan immer eine entsprechende Begebenheit oder Figuren in Homers Epos. Doch das Schreiben des Romans gestaltet sich als viel schwieriger als angenommen. Sei es durch Baulärm, durch seine verwöhnte Cousine Juliane, um die er sich kümmern muss, weil er sich bei deren Vater, einem Düsseldorfer Rechtsanwalt, Geld leihen musste oder durch das Treffen mit einem potentiellen Verleger, welches für ihn zum Fiasko wird. Doch nicht nur das drohende Scheitern seines Buchprojekts macht Tristan zu schaffen. Da ist auch noch die Abschiedsparty seines Kumpels Ole, der mit seiner Frau in die USA auswandert, bei der verschiedene Liebschaften Tristans aufeinandertreffen. Ein Berlin-Roman der keiner ist. Ein Roman in dem der Protagonist ständig unterwegs ist, um anzukommen, aber nie dahin kommt wo er hin will, sich immer wieder verläuft. Eben eine Odysee. In die Handlung werden immer wieder Essays geschickt eingebunden und aneinandergereiht. Haben Blumfeld-Fans auf den letzten Alben der Band das Politische vermisst, hier werden sie bedient. Haltung findet man in diesem Buch zu Genüge. Es wird aber nie anstrengend, es lässt sich leicht lesen. Ein ereignisloser Roman voller kleiner und größerer Ereignisse. Man interessiert sich für das was noch kommt, auch wenn das was dann kommt manchmal recht banal ist, so hat man trotzdem nie das Gefühl, nicht weiterlesen zu wollen. Der Roman hat eine bemerkenswerte Rhythmik. Man merkt dem Roman den Musiker Distelmeyer an. In den Feuilletons wurde der Roman eher mit großer Zurückhaltung aufgenommen -zu Unrecht. Manchmal vergessen die Feuilletons dieser Welt, dass die meisten Bücher vor allem die Menschen unterhalten sollen. Dieses Buch unterhält.

Gehört

Paavo Järvi (Homepage)/Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Homepage) – Schumann Symphonien

Was wurde nicht schon an Schumanns Werken herumretuschiert. Mahler orchestrierte die Symphonien neu, weil sie seiner Meinung nach so schlecht instrumentiert waren, dass man sie so nicht aufführen sollte. Die Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi beweist hier nun das Gegenteil, indem sie die unbearbeiteten Originale spielen. Wenn das Orchester nämlich nicht so groß dimensioniert ist, wie es bei Mahler nunmal der Fall war, was auch der Zeit geschuldet war, dann funktioniert das alles wunderbar, und es ist überhaupt keine Schwäche in der Instrumentierung zu finden. Im Gegenteil. Eine wunderbare Transparenz kommt hier zum Vorschein, wie sie auch schon bei der Beethoven-Einspielung zu hören war. Schumann war ein Meister der Dynamik. Und genau das kann die Bremer Kammerphilharmonie umsetzen wie kaum ein zweites Orchester. Ob sanft, leise und zerbrechlich oder laut, stark und robust. Beides ist kein Problem. Weder für den Komponisten noch für die Künstler, die es aufführen. Paavo Järvi und der Kammerphilharmonie Bremen ist es gelungen, den Symphonien Schumanns den Klang zu geben, den sie brauchen. Das Detailreichtum was sie benötigen. Die Größe die sie brauchen, ohne sie künstlich aufzublasen. Zuletzt seien die einzelnen Instrumentalisten hervorgehoben. Was hier spielt darf sich mit fug und recht als grandioser Musiker bezeichnen lassen, aber erst wenn alle zusammen mit Paavo Järvi dieses Orchester bilden, wird daraus das, was es im Moment ist. Einer der zu Zeit weltbesten Klangkörper. Diese Aufnahme gehört zum Besten der Besten. Sie wird wieder einmal bei vielen als Referenz gelten. Zurecht!

Gesehen

Dazu: Paavo Järvi und die Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Pier 2.
Teil 1
Teil 2

Empfehlungen

Maximilian HornungHaydn & Azarashvili Cello Concertos (Spotify)
Tony Dekker – Prayer of the Woods (Homepage) (Spotify)
Will Butler – Policy (Homepage) (Spotify)
Tommy Wosch interviewt Sarah Kuttner

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