113-Milan Kundera, Schlippenbach Trio und Penny Dreadful

fünzNeuigkeiten

David Letterman geht in Rente
Pippi Langstrumpf feiert 70. Geburtstag
Robert Smith klöppelt B-Seite für The Twilight Sad

Gelesen

Milan KunderaDie unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Der Roman spielt zur Zeit des Kalten Kriegs. In dieser Zeit lernt der Chirurg Tomas die Serviererin Teresa kennen. Die Beziehung der beiden leidet unter den ständigen Affären von Tomas. Beide haben eine völlig unterschiedliche Auffassung von Liebe und Sexualität. Teresa weiß das, und erduldet zunächst einmal die Affären. Sie beginnt während des Prager Frühlings als Fotoreporterin zu arbeiten, flüchtet jedoch, nach Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, der die tschechoslowakische Reformpolitik beendet, mit Tomas in die Schweiz. In der Schweiz angekommen, findet Tomas schnell Arbeit als Chirurg und trifft auf einen seiner Seitensprünge, die Malerin Sabina, mit der er umgehend wieder eine Affäre beginnt. Teresa dagegen hat Schwierigkeiten, mit der neu gewonnen Freiheit im Westen. Sie scheitert an der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“. Sie flieht vor Tomas und seinen Affären zurück in die Tschechoslowakei. Tomas, geplagt von schlechtem Gewissen, folgt ihr nach, gerät dort schon sehr bald mit der neuen Parteilinie in Konflikt, da er sich weigert, einen Zeitungsartikel zu widerrufen, den er während des Prager Frühlings verfasst hat. Er muss seine Karriere als Chirurg aufzugeben, lernt als Fensterputzer eine neue Auffassung von Arbeit kennen und hat viel Zeit für abermalige Liebschaften. Da Teresa  aber nun Tomas’ Affären und die ständigen Denunziationen in Prag nicht mehr erträgt, zieht das Paar in ein abgelegenes Dorf, wo es in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft arbeitet und endlich zur Ruhe kommt.

Friedrich Nietzsches Idee der „ewigen Wiederkehr“ ist zentraler Gedanke in diesem Roman. Es gibt einen Erzähler, der die ganze Geschichte erzählt, dabei aber nicht chronologisch vorgeht, sondern immer wieder Zeitsprünge macht. So gibt es auch keinen eigentlichen Spannungsbogen, weil aufgrund der Zeitsprünge, Ereignisse vorweg genommen werden. Kein einfacher Roman. Man muss sich den Roman erarbeiten, sich ihn erlesen. Trotzdem lässt er nicht los. Er fesselt. Der Roman ist fast schon ein philosophisches Werk. Weltliteratur, keine Frage!

Gehört

Schlippenbach Trio (Alex von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens) – Features (Homepage) (Spotify)

Freejazz! Endlich! Es wurde Zeit, dass diese wunderbare Musikform in diese Sendung Einzug erhielt. Drei Musiker, fünfzehn Stücke und freie Improvisationen haben sich auf diesem Album zusammen gefunden. Piano, Schlagzeug und Saxophon werden hier gespielt. Die Bandbreite geht von Miniaturen, die 2 Minuten lang sind, bis zum ca. acht Minütigen ‘Feature-10’, da geht’s dann auch gleich noch ein wenig mehr zur Sache. Evan Parker spielt so wunderbar Saxophon, dass es vom Sound her, fast ein wenig an den klassischen West Coast Jazz eines Paul Desmond, oder Lee Konitz erinnert. Alexander von Schlippenbach lässt das Piano klingen, nicht lärmen. Und auch Schlagzeuger Paul Lovens, streicht eher über die Felle und Becken, als sie gar zu sehr maltraitieren zu wollen. Das ganze wird nie langweilig, und die drei erfinden sich in jedem Stück neu. In jedem Stück ist eine neue Facette des Freejazz zu hören. Immer wieder werden neue Bilder musikalisch gemalt. Die Stärke dieses Albums liegt darin, dass es bei aller Freejazzerei nie anstrengend wird, zumindest nicht für die die offen sind, offen für freie Formen und freie Tonalität. Ein unglaublich aufregendes Album. Man kommt trotz allem Freejazz nie auf die Idee, die Töne würden gerade mal so eben dahin gespielt werden. Das hier ist die Kunst des freien Spiels, der freien Improvisation! Selten hat man Freejazz so entspannt, malerisch, leise, zurückhaltend und somit unglaublich souverän erleben dürfen! Ein wirklich tolles Album!

Gesehen

Penny Dreadful – Staffel 1 (IMDb)

Zusammengesetzt aus vielen bekannten Figuren aus den gruseligen Groschenromanen des gleichen Namens, bietet die Showtime-Serie Penny Dreadful in ihrer ersten Staffel glücklicherweise doch etwas mehr Handlung, Charakterentwicklung und Konsistenz – etwas. Mit Timothy Dalton, Eva Green, Rory Kinnear, Billie Piper und Josh Hartnett ist einiges an Prominenz dabei, die hin und wieder ihre ganze Kunst durchblicken lassen. Das größte Pfund der Serie ist aber – wie heute so oft – die Optik. Wunderschön und tiefdüster zeichnet sie das viktorianische London voller mystischer Gestalten und Vorkommnisse. Wer auf die typische Jack-the-Ripper-Atmosphäre mit einem Tupfer Stephen King steht, der wird hier sein Glück finden.

Die einzelnen Folgen sind in ihrer Qualität sehr unterschiedlich. Die ein oder andere kann zu Tode nerven, wenn sie aus 40 Minuten stöhnender, Gliedmaßen verrenkender und mit weißen Augen irre satanische Verse rezitierender Eva Green besteht. Andere wiederum erzählen mit Geschick und viel Gefühl für Zwischenmenschliches die Hintergrundgeschichten der Hauptcharaktere oder werden geradezu philosophisch, während sie mit unerwarteter Brutalität gerade lieb gewonnene Figuren einfach so vernichten.

Penny Dreadful ist wegen seiner Gewaltdarstellungen, des Grusels und klassischen Horrors sicher nichts für schwache Gemüter, Fans des Genres freuen sich über gute Unterhaltung der eher schlaueren Sorte mit Starbesetzung.

Empfehlungen

Control – Ian Curtis Story
Am 27. Mai um 22.05 Uhr im DLF: Kühner kleiner Mann – Carl Nielsen zum 150. Geburtstag (Teil 2 am 12. Juni 2015)
Am 29. Mai um 20.10 Uhr im DLF: Die Sprache hat mich wiedergeboren
John Raymond – Foreign Territory (Homepage) (Spotify)
RusconiRevolution  (Homepage) (Spotify)

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112-Franz Kafka, The Chopin Project und Transparent

Neuigkeiten

Gabriel Fauré wäre am 12. Mai 170 geworden
Berliner Philharmoniker wählten erstmal niemanden zum Nachfolger von Simon Rattle
In Wien übt man sich in Toleranz, und fängt schon mal bei den Ampeln an!
B.B. King ist tot

Gelesen

Franz KafkaBlumfeld, ein älterer Junggeselle (DigBib.Org)

Die Erzählung fängt damit an, dass sich Herr Blumfeld Gedanken darüber macht, sich einen Hund als Begleiter anzuschaffen. Wegen der zu erwartenden Unannehmlichkeiten verwirft er diese Idee aber wieder.
Als er sein Zimmer betritt, sind dort zwei Tischtennisbälle, die ohne Fremdeinwirkung auf und ab springen. Von nun an halten sie sich immer knapp hinter ihm und lassen sich nicht abschütteln. Er versucht sie zu einzufangen, was ihm sogar bei einem von ihnen gelingt, dann wiederum findet er es „zu entwürdigend, solche Maßnahmen gegen zwei kleine Bälle zu ergreifen“ und gibt es auf sie zu fangen. Nicht ohne den Hintergedanken, dass er sie sehr zeitnah zerstören wird. Da die Bälle auch des Nachts unter seinem Bett auf und ab springen, legt er zwei Teppiche unter sein Bett, um die Geräusche zu dämpfen. Am nächsten Morgen sperrt er die Bälle in seinem Kleiderschrank ein, bevor er seinen Weg zur Arbeit antritt. Da er die Bälle nach seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden möchte, beschließt er, sie dem Jungen seiner Putzfrau zu schenken, und sagt den Kindern aus dem Haus, sie mögen sich die Bälle aus seinem Zimmer zu holen.
Auch in seinem Beruf als Angestellter in einer Wäschefabrik, der Heimarbeiterinnen abfertigt und auszahlt, ist er nicht glücklich. Nach langen Kämpfen hat man ihm zur Unterstützung zwei Praktikanten zugewiesen. Aber er ist unzufrieden mit den doch sehr kindlichen Helfern. Es kommt zu sehr skurrilen Szenen, in denen er nur schwer alles unter Kontrolle hält. Eine wunderbare Erzählung, die das Scheitern und die Einsamkeit auf ganzer Linie thematisiert.

Gehört

Ólafur Arnalds (Homepage)/Alice Sara Ott (Homepage) – The Chopin Project (Spotify)

Es handelt sich hier um Aufnahmen von Chopins Klavierkompositionen, sowie Eigenkompositionen von Arnalds nach Motiven von Chopin. In einem Fall, nämlich beim Nocturne in C-Moll, ist sogar beides kombiniert, also eine Mischung aus eben jenem Werk Chopins kombiniert mit eigenen kompositorischen Ideen Arnalds. Er verwendete verschiedene historische Klaviere, die er alle an verschiedenen Orten mit verschiedenen Mikrofonen aufgenommen hat. Das trägt natürlich zu dieser sehr eigenen Atmosphäre bei, die dieses Album umgibt. Dazu gibt es eine Ambient-Klanglandschaft aus allerlei Geräuschen, die dem ganzen übergestülpt werden. Zwei immer wiederkehrende Themen umrahmen das Album. Das wirkt manchmal ein wenig überladen. Streicher und Chopin, das ist nicht ganz ungefärlich, da wird es leicht kitschig. Nicht immer gelingt es den beiden, das zu verhindern. Trotzdem verdient dieses Album viel Lob, denn es ist ein Versuch, eine Idee, die erstmal da sein muss. Die Umsetzung ist mutig, denn in der Form gab es das wohl so noch nicht. Insofern ist es vielleicht der Anfang von etwas. Wunderbare Idee, die vielleicht noch ein oder zwei Alben braucht bis sie zu dem wird was sie vielleicht werden soll. Nichtsdestotrotz, wundervolle Musik.

Gesehen

Transparent – Staffel 1 (IMDb)

Transparent (schon der Titel ist genial!) erzählt die Geschichte der Familie Pfefferman, deren Vater zu Beginn der Serie seiner Familie eröffnet, dass sie sich schon immer als Frau identifizierte und nun auch als solche leben möchte. Ihre drei Kinder, Sarah, Josh und Ali sowie der Rest der Familie gehen damit sehr unterschiedlich um und im Verlauf der Serie wird klar, dass Gender, Geschlecht, Sexualität, Intimität nur einige der vielen Faktoren sind, die einen Menschen ausmachen und uns beim Finden und Konstruieren unserer Identität immer wieder vor zwischenmenschliche Herausforderungen stellen – und nie so einfach und eindeutig sind, wie es uns die Gesellschaft häufig vorspielt.
Unfassbar, was Amazon da in Eigenproduktion geschaffen hat. Eine wahre Perle, etwas ganz Neues. Einfühlsam, vielfältig, komplex, witzig, traurig, menschlich, leidenschaftlich und sehr mutig – hier liegt Potenzial zur besten (Comedy-)Drama-Serie dieses Jahrzehnts und man möchte fast sagen, es läutet eine neue Ära des Qualitätsfernsehens ein. Die schauspielerische Leistung, allen voran des so charismatischen Jeffrey Tambor, die ehrlichen und mutigen Szenen menschlicher Intimität, der Humor, die zauberhafte Atmosphäre, der berührende Soundtrack, die vor Traurigkeit wie auch Freude zu Tränen rührenden Dialoge… und das alles, ohne auch nur einmal kitschig zu werden! Es gibt einfach nicht genug Klee, über den man diese Serie loben müsste. Sie reißt Wunden auf und sie heilt zur gleichen Zeit. Das einzige Manko ist, dass die erste und bisher einzige Staffel nach 10 Folgen, also ca. 5 Stunden, viel zu schnell vorbei ist!

Empfehlungen

22. Mai um 20.10 Uhr im DLF Best of Mao, Hitler, Stalin – Diktatoren als empfindsame Künstler
31. Mai um 18.30 Uhr im DKultur: Traurigkeit und Melancholie
Chilly GonzalesChambers (Homepage) (Spotify)
– William Youn – William Youn plays Mozart Sonatas (Homepage) (Spotify)

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111-Tocotronic, Avengers und Gloria G. Brame

Neuigkeiten

Maja Michailowna Plissezkaja verstarb mit 89 Jahren
– Muppet Show kommt zurück

Gelesen

Gloria G. BrameA Fetish for Men

Wenn Intellektuelle versuchen, sich literarisch mit Sex zu befassen, geht das nicht immer gut. Gloria Brame allerdings ist nicht nur eine international gefeierte Sex-Therapeutin (BDSM, Fetischismus, sexuelle Dysfunktion) und in der klinischen Forschung tätig, sie hat auch verdammt spannende Geschichten zu erzählen. Als Tochter von Holocaust-Überlebenden in Brooklyn hatte sie eine – sehr untertrieben ausgedrückt – eher schwierige Kindheit und Jugend, aber umso mehr Neugier und Stärke, sich die eigene Freiheit nicht nehmen zu lassen. “A Fetish for Men” ist nach “Naked Memory“ ein weiterer Teil ihrer Memoiren, in dem sie ihren gleichermaßen unterhaltsamen wie intellektuellen Schreibstil weiterentwickelt: Sie schafft es, in einem Atemzug von tief philosophischen Gedanken zu schrullig-erotischen Sexgeschichten zu springen, ohne je langweilig oder prätentiös zu werden. Dieser kurze Einblick in ihre bewegte Jugend und Entdeckung ihrer Sexualität ist aufklärend, herausfordernd, unterhaltend, intelligent, ehrlich, schmerzhaft und zuweilen schwer zu verdauen.

Gehört

Tocotronic – Das rote Album (Homepage) (Spotify)

Da ist es, das 11te Album der Band. Nachdem sie sich das letzte mal mit dem Älterwerden und dem Vergehen beschäftigt haben, geht es diesmal um die Liebe. Und was ist das? Pop?
Eingängige wunderschöne Popmusik. Richtige Ohrwurmqualitäten hat dieses Album. Diese Musik, bekommt man so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Was die Texte angeht, so braucht man eigentlich kein Wort mehr über diese Band zu verlieren. Es ist Tocotronic, und so sind auch die Texte auf diesem Album. Viele Texte von Ihnen könnten einfach so als Überschrift eines Artikels, eines Aufrufes oder eben auf T-Shirts stehen. So was konnten sie schon immer. Das können sie auch heute noch. Nur, dass es eben diesmal um die Liebe geht. Und das ist gefährlich, denn da droht es sehr schnell kitschig zu werden. Dirk von Lowtzow wäre nicht Dirk von Lowtzow, wenn er diese Klippen nicht meisterhaft umschiffen würde. Es wird über die verschiedene Formen und Aggregatszustände der Liebe gesungen. Das wird dann zum Teil sogar wieder ein wenig politisch. Ganz ohne geht ja auch nicht. Musikalisch wandelten Tocotronic schon immer auf der Wegscheide zwischen Rock, Grunge oder Punkrock, waren aber auch immer große Fans des Pop. Und dieser Pop, steht auf diesem Album eindeutig im Vordergrund. Joy Division, The Cure und ein Hauch Pet Shop Boys. Die Songs sind so zugänglich, wie man es eigentlich noch nie erlebt hat. Nie waren sie poppiger, zugänglicher und ohrwurmiger. Ein zauberhaftes Album.

Gesehen

Avengers – Age of Ultron (IMDb)

„Avengers: Age of Ultron“ ist der nun zweite Avengers-Film im Marvel Cinematic Universe (MCU) und schließt an die Ereignisse von “Captain America: The Winter Soldier” sowie die Serie “Agents of S.H.I.E.L.D.“ an. Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte: Marvel baut sich seit 2008 (Iron Man) und für viele Jahre in die Zukunft ein neues Universum für all die illustren Charaktere, die in verschiedenen Formen in den letzten 75 Jahren ihre Comics bevölkert haben und baut dabei einen Berg an Medien mit einem Grad an Intertextualität, der seinesgleichen sucht. Alles ist verwoben, hier wird auf etwas angespielt, dort wird etwas angedeutet, da wieder etwas enthüllt – und doch funktionieren die Filme und Serien auch für sich allein genommen noch erstaunlich gut.
Hier kämpfen sich also die aktuellen Avengers Iron Man, Captain America, Thor, der Hulk, Hawkeye und Black Widow über den Bildschirm. Mittelpunkt der Story ist ein Roboter mit künstlicher Intelligenz, Ultron. Er entstand, als Tony Stark sich in den Kopf gesetzt hatte, eine übermächtige künstliche Intelligenz könne doch die Menschheit sicher viel besser beschützen sodass unsere Superhelden öfter mal Urlaub machen können. Weit gefehlt: Wie wir aus Jahrzehnten der Science-Fiction wissen, ist die beste Möglichkeit, die Erde zu retten, die Menschheit zu vernichten. So sieht es auch Ultron, der nun also aufgehalten werden muss. Wie praktisch, wenn man einen anderen übermächtigen Androiden dabei hat, der die Menschheit gerade lieb gewinnt.

re:publica

Empfehlungen

– 15.05. um 20.10 Uhr im DLF – Winston Churchill – Auf dem Schlachtfeld der Worte
– Ricardo Muti und das CSO mit der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven kostenlos zu sehen. (YouTube) (CSO)

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110-Ian McEwan, Blur und Grzimek

Neuigkeiten
Eric Clapton wurde 70!
Helmut Dietl gestorben.
Günter Grass gestorben.
Percy Sledge ist tot.
Klaus Bednarz verstarb mit 72
Ben E. King im Alter von 76 Jahren gestorben

Gelesen
Ian McEwanKindeswohl (Homepage)

Fiona Maye ist eine höchst angesehene Richterin am High Court in London. Verheiratet ist sie mit Jack, einem Geschichtsprofessor. Die beiden sind 35 Jahren verheiratet. Eigentlich ist also alles gut, man lebt so vor sich hin. Das große Feuer der Liebe brennt zwar nicht mehr zwischen den beiden, aber sie haben sich miteinander arrangiert. Deshalb fällt Fiona aus allen Wolken, als Jack ihr beichtet, dass er ihr Einverständnis für eine außereheliche Affäre will. Das ist die Rahmengeschichte. Es folgt die Geschichte in der Geschichte, also die um die es in diesem Fall eigentlich geht. Nämlich die, in der Fiona Maye die Richterin ist. Denn just in diesem Moment werden ihr eine Reihe bemerkenswerter Fälle vorgelegt: Zum einen ist da ein 17-jähriger, der an Leukämie leidet, und dringend eine Bluttransfusion benötigt. Aber seine Familie gehört den Zeugen Jehovas an, die Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ablehnen. Der Junge selber, lehnt eine Transfusion eben genau aus diesen Gründen auch ab. Doch ohne Transfusion wird er sterben. Fiona bleiben nun weniger als 24 Stunden um ein Urteil zu fällen, und somit zu entscheiden, ob der Junge leben oder sterben wird. Die verschiedenen Fälle und die Situation von Fiona sind natürlich miteinander vernüpft. Die Richterin auf der einen Seite, und die Privatperson auf der anderen Seite. Wie wird sich Fiona Maye also entscheiden? Was wird sie tun? Privat und beruflich.

Gehört
BlurThe Magic Whip (Homepage) (Spotify)

Da ist es also, das erste Album von Blur seit 12 Jahren. Nach dem Hören der ersten Stücke, die vor dem eigentlichen Album veröffentlicht wurden, konnte man weniger erwarten, als das was hier nun als Album vorliegt. Erfreulicherweise wurde es eine Menge mehr. Erinnert im Gesamtkontext eher an die späteren Blur. Man hätte ja ein bisschen befürchten können, sie orientieren sich vielleicht an den großen Erfolgen der 90er. Haben sie aber nicht gemacht. Gut. Hübsch auch, dass Graham Coxon sich zwar zurückhält, aber an den richtigen Stellen sehr hübsche Akzente setzt. Klar: Wer die Blur-Momente der 90er sucht, der findet sie natürlich auch. Und das ist auch gut so, denn es ist immerhin Blur. Wiedererkennen mag man sie dann ja doch gern. Sie haben etwas von früher genommen und mit dem gemischt, was Damon Albarn und Graham Coxon jetzt so machen. Ein wunderbares Album, tolle Melodien. Im Text geht es um Urbanität, um das moderne Leben und was es aus uns allen macht. Ein rundum gelungenes Album! Musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Wir hatten im letzten Jahr bereits Damon Albarn über den grünen Klee gelobt. Dieses Album schließ nahtlos daran an. Auch und vor allem weil Albarn in Coxon seinen kongenialen Partner wiedergefunden hat. Toll! Viel besser als Death Cab for Cutie. Hatte ich umgekehrt erwartet. Schön dass Musik einen immer wieder überrascht.

Zum 100. Geburtstag von Billie Holiday (Spotify)

Billie Holiday zählt zu den bedeutendsten Jazzsängerinnen ever. “Ich halte es nicht aus, ein und denselben Song an zwei aufeinander folgenden Nächten auf dieselbe Weise zu singen, geschweige denn zwei oder zehn Jahre lang. Wer dazu in der Lage ist, macht keine Musik. Sowas ist militärischer Drill oder Jodeln oder sonstwas, aber keine Musik.”, soll sie einmal gesagt haben. Das ist doch mal eine Aussage. Das polarisiert schon mal, etwas was Billie Holiday sehr gut konnte. Einer der Gründe warum sie auch heute noch, neben ihrer unfassbar tollen Stimme, so populär ist. Am besten zitiert man sie selber noch mal, das beschreibt sie besser als jeder andere Mensch es könnte. “Ich glaube nicht, dass ich singe. Ich improvisiere mit meiner Stimme wie auf einem Instrument, wie Lester Young, Louis Armstrong oder sonst jemand, den ich bewundere. Es kommt alles, wie ich’s fühle. Ich hasse es, ein Lied so zu singen, wie es auf dem Papier steht. Ich muss eine Melodie so ändern, dass sie zu mir passt. Das ist alles, was ich weiß.”

Gesehen
Grzimek (IMDb)

Bernhard Grzimek wurde am 24. April 1909 in Neiße in Oberschlesien geboren und verstarb am 13. März 1987 in Frankfurt am Main. Er war in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner regelmäßigen Sendung “Ein Platz für Tiere” eine bekanntesten Personen der BRD und für die Öffentlichkeit der Tierfachmann schlechthin. Er war Tierarzt, Verhaltensforscher, langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos, erfolgreicher Tierfilmer, Autor sowie Herausgeber von Tierbüchern. Sein Dokumentarfilm “Serengeti darf nicht sterben” wurde 1960 als erster deutscher Film nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Oscar ausgezeichnet. Und damit wäre die Handlung des Films auch schon beschrieben. Es geht in diesem Film um Grzimek und dessen Leben. Ulrich Tukur spielt Professor Grzimek, und das macht er wie fast immer grandios. Herrvorragend. Wunderschöne Bilder. Tolle schauspielerische Leistung. Man lernt hier etwas über das Leben des Herrn Grzimek, den man, wenn man denn alt genug ist, nur aus dem Fernsehen kannte, und ihn so Sachen sagen hörte wie: “Dieses possierliche Tierchen…”. Übrigens hat Tukur gar nicht erst versucht so zu sprechen wie Grzimek, das wäre dann wohl zu einer Persiflage verkommen und hätte dem Film nicht gut getan. So aber ist es eine sensible Darstellung von einem Mann geworden, die auch die Abgründe nicht auslässt. Die ein Bisschen an der manchmal allzu weißen Weste kratzt, ohne dabei moralisch zu werten. Grzimek ist nach Schauen dieses Filmes ein Bisschen Menschlicher geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Trailer Nummer II zum nächsten Star Wars!

Empfehlungen
Death Cab for CutieKintsugi (Homepage) (Spotify)
GusterEvermotion (Homepage) (Spotify)
EelsRoyal Albert Hall  (Homepage) (Spotify)

– 05.05.2015 um 20.10 Uhr im DLF:  Hate Radio. Der Massenmord, der sich 1994 in Ruanda ereignete, hatte einen “Soundtrack”, und der kam aus dem Radio.
– 09.05.2015 um 20.05 Uhr im DLF: “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque
– 12.05.2015 um 20.10 Uhr im DLF:  Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden – Das Hörspiel handelt von einem orthodoxen jüdischen Paar aus Jerusalem und einem säkularen jüdischen Paar, das in Kalifornien lebt. (Auf der Website des DLF steht hier irrtümlich 11.05.2015, also aufpassen, dass man es nicht verpasst)

– Soundcloud mit spontaner Re:publica-Liveberichterstattung vom 5.-7. Mai: https://soundcloud.com/diestroemung

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109-Mozart, Brahms und Fauré

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Neue Folge des Klangspektrums

Gehört – Requiem Special
Ein Requiem ist (war) erst einmal nichts anderes als eine Messe für Verstorbene. Sie wurde mit gregorianischen Gesängen unterlegt. Im Laufe der musikalischen Entwicklung des Requiems löste es sich immer mehr vom kirchlichen Kontext und wandelte sich zu einer eigenen musikalischen Form, die z. T. auch komplett ohne klerikalen Kontext auskommt. Da es hier Chor, Solostimmen und Orchester gibt, können Komponisten hier so richtig zeigen, was sie können. Wir wollen die Entwicklung von der musikalischen Untermalung einer Totenmesse bis zur endgültigen Befreiung vom kirchlichen Kontext aufzeigen. Drei Teile, welche in loser Reihenfolge aufeinander folgen werden, sollen diese Entwicklung aufzeigen. Dieser Teil behandelt die Zeit, in der sich Komponisten langsam über die Vorgaben der Kirche hinweg setzen.

Wolfgang Amadeus Mozart Requiem d-Moll KV 626
– Harnoncourt/Concentus Musicus Wien (Homepage)/Schönberg Chor (Homepage) (Spotify)

Das Requiem stammt aus dem Jahr 1791 und war Mozarts letzte Komposition. Obwohl es wohl nur zu ca. zwei Dritteln von Mozart stammt, ist es eines der beliebtesten Requien und eines der Werke von Mozart, welche am meisten geschätzt werden. Mozart starb während der Komposition und konnte es somit naturgemäß nicht zu Ende bringen. Da das Ehepaar Mozart bereits seit Jahren in finanzieller Not war, beschloss die Witwe Constanze Mozart Joseph von Eybler und Franz Xaver Süßmayr, beides Schüler von Mozart, zu engagieren, damit diese die Arbeiten an dem Werk abschließen mögen. Constanzes Behauptung zum Zeitpunkt von Mozarts Tod, die Arbeit sei kurz vor dem Abschluss entstanden, war mehr als optimistisch, führte aber lange zu der Annahme, Mozart hätte das Werk in seinen letzten Zügen mehr oder weniger zu Ende Komponiert. Welchen Umfang die nachträglichen Ergänzungen tatsächlich ausmachen, und was welcher Schüler wann geschrieben hat, das weiß man bis heute nicht so recht. Da Mozart während dieser Komposition starb, hatte das natürlich eine üppige Mythenbildung zu Folge. Hier ist, obwohl es sich um ein Auftragswerk handelt, die christliche Welt noch in Ordnung. Auch wenn Mozart durchaus in der Lage war sich mit Kirchenfürsten anzulegen wenn es um seine Kunst ging – der Kirche abgeneigt oder gar ungläubig war er nicht. Sein Requiem ist wohl das bekannteste und im Felde dieser drei Requien, was das Musikalische, Religiöse und Liturgische angeht, auch das konventionellste. Musikalisch ist es der Wiener Klassik zuzuordnen.

Johannes BrahmsEin deutsches Requiem op. 45
– Sir Roger Norrington/London Classical Players/Schütz Choir of London (Spotify)

Ein Deutsches Requiem ist der Titel dieses Werkes von Johannes Brahms, dabei ist es gar kein Requiem. Erstens war Brahms zumindest auf dem Papier evangelisch, zweitens hält sich das Werk nicht mal ansatzweise an die Liturgie eines Requiems, geschweige denn an sonst irgendwas und drittens war er, wie er selbst sagte, bibelfester Atheist. Wie bei Fauré steht auch hier der Trost der Hinterbliebenen im Mittelpunkt. Um das zu untermauern hat  Brahms dafür Texte des Alten und Neuen Testaments der Lutherbibel und Texte, die nicht aus dem biblischen Kontext stammen, ausgewählt. Er verzichtet wie Fauré auf Gottes Zorn und das jüngste Gericht. Es sollte keine Trauermusik für die Toten, sondern Musik zum Trost für die Lebenden sein. Wenn es aber kein Requiem ist, was ist es dann? Musikalisch könnte man es als Oratorium bezeichnen, da fehlt dann aber die durchgehende Handlung, sprich die dramatische Komponente. Der Text spricht eher für eine der frühen evangelischen Motetten, da passt dann aber die Musik wieder nicht hinein. Aber was ist es dann? Antwort: Nichts. Es ist nichts. Dieses Werk entzieht sich einer Einordnung in irgendeine musikalische Gattung. Wenn man die Biographie des Herrn Brahms ein wenig kennt, und somit seinen Charakter ein wenig einzuordnen vermag, kann man sich die Freude bei Brahms hierüber vorstellen. Die ersten drei Sätze wollte man in Wien nicht spielen und so wurde das Werk an einem Karfreitag, dem 18. April 1868 im Bremer Dom St. Petri unter Leitung von Brahms aufgeführt. Hier fehlte der später hinzugefügte fünfte Satz. Mit fünftem Satz wurde das Werk am 18. Februar 1869 das erste Mal im Leipziger Gewandhaus aufgeführt. Musikalisch ist dieses Werk in der Romantik verwurzelt.

Gabriel FauréRequiem op. 48
– Philippe Herreweghe/Ensemble Musique Oblique (Homepage)/La Chapelle Royale (Spotify)

Fauré respektierte und bewunderte zwar gläubige Menschen, wie er überhaupt eine sehr differenzierte Betrachtungsweise an den Tag legte, was die Dinge die ihn umgaben anging, doch er selbst war Agnostiker. Trotz alledem wurde er 1877 Chordirektor der Kirche La Madeleine in Paris. Als solcher lernte er naturgemäß das ziemlich umfangreiche Repertoire geistlicher Chormusik kennen und befand, dass ihm das alles nicht gar zu sehr zusagte. “Ich begleitete Trauergottesdienste auf der Orgel nun schon so lange! Das reichte mir allmählich! Ich wollte etwas anderes machen!” Und so komponierte er sein Requiem 1887, welches dann am 16. Januar 1888 in La Madeleine zu einem Begräbnis das erste Mal aufgeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur fünf Sätze (“Introitus et Kyrie”, “Sanctus”, “Pie Jesu”, “Agnus Dei” und “In Paradisum”) und Faurés Textauswahl legte besonderen Wert auf Ruhe und Frieden und enthielt keinen einzigen Verweis auf das Jüngste Gericht. Im Anschluss fügte Fauré noch das Offertoire und das Libera me, was schon sehr viel früher geschrieben wurde als das eigentliche Requiem, hinzu.  Diese Version wurde am 21. Januar 1893 zum ersten Mal aufgeführt, ebenfalls in La Madeleine, mit Fauré als Dirigent. Zwischen 1899 und 1900 wurde es dann von einem seiner Schüler für großes Orchester orchestriert. Diese Version wurde am 12. Juli des Jahres 1900 im Zuge der Pariser Weltaustellung aufgeführt. 1924 wurde diese Version dann auch zum Tode des Komponisten aufgeführt. Die Version, um die es hier gehen soll, ist die Version von 1893. In diesem Requiem geht es weniger um die Angst vor dem himmlischen Strafgericht, vielmehr ist es vom Trostgedanken durchdrungen. Die Musik hat fast meditativen Charakter, und ist irgendwo zwischen Romantik, Klassik, Renaissance und Moderne einzuordnen. “Es ist so sanftmütig wie ich selbst”, sagte er einst über dieses Werk.

Das erwartet euch nach der Pause u. a.:

– Das neue Tocotronic Album
– Ian McEwan und Kindeswohl
– Das neue Death Cab for Cutie Album
– Milan Kundera und Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
– Ólafur Arnalds und Alice Sara Ott mit dem Chopin Project
– Franz Kafka und Blumfeld, ein älterer Junggeselle
– Das neue Album von Chilly Gonzales

Empfehlungen

– Del Bel – Del Bel (Homepage) (Spotify)
– Of Montreal Aureate Gloom (Homepage) (Spotify)
– Augostino SteffaniNiobe, Regina Di Tebe – (Spotify)
Hiob Gesicht Gottes von Michael Farin nach einem Text von Thomas Harlan. Gesprochen wird das Ganze von Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, am 3. April 0.05 Uhr im DRadioKultur
Die Befristeten von Elias Cannetti 5. April 18.30 Uhr im DRadioKultur
– Feature: Lady Day. Zum 100. Geburtstag von Billy Holiday. Das Leben der Billy Holiday. Am 7. April um 19.15 Uhr im DLF
Party im Blitz/Die englischen Jahre von Elias Cannetti 6. April 18.30 Uhr DKultur
Die Kontrakte des Kaufmanns. Hörspiel von Elfriede Jelinek. Am 13. April 0.05 Uhr im DKultur. Zweite Teil am 20. April um 0.05 Uhr. Dritter Teil am 27. April um 0.05 Uhr. Vierter Teil am 4. Mai um 0.05 Uhr. Fünfter Teil am 11. Mai 0.05 Uhr. Sechster Teil am 18. Mai um 0.05 Uhr
Feature: Bigger than Hip-Hop. Vom Ghetto zum Milliardengeschäft.  26. April um 20.05 Uhr im DLF

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