119-Wilhelm Raabe, Sun Kil Moon und Rita

Neuigkeiten
Herr Martinsen wurde großartigst beschenkt. HörerInnen sind toll. Dank an @nitschebua
Der Yes-Bassist Chris Squire ist tot
Wiener Staatsoper erzielt Einnahmerekord
Bachmann-Preis des Jahres 2015. Die Feuilletöne werden in der nächsten Sendung ausführlich berichten.

Gelesen
Wilhelm RaabeZum wilden Mann

An einem regnerischen Oktoberabend finden der Erzähler und der Leser Unterschlupf in der Apotheke „Zum wilden Mann“. Philipp Kristeller, der Besitzer der Apotheke, wird von seinen Freunden, dem Pastor Schönlank und dem Förster Ulebeule, aufgesucht. Bei einer Punschbowle erzählt der Hausherr den Freunden, wie er vor dreißig Jahren in den Besitz der Apotheke kam.

Ein dritter Freund des Apothekers, der Arzt (Landphysikus) Dr. Eberhard Hanff, stößt spät des Abends hinzu. Er stellt den Anwesenden einen Diener des Kaisers von Brasilien vor. Der Fremde heißt Colonel Dom Agostin Agonista. Dieser besucht nach dreißig Jahren forwährendem Militärdienst in verschiedenen Ländern Südamerikas zum ersten Mal wieder seine deutsche Heimat. Philipp Kristeller ist hoch erfreut. Agostin erzählt den gespannt zuhörenden Anwesenden seine Lebensgeschichte. In der darauffolgenden Zeit sucht er die Honoratioren des Städtchens reihum auf. Auch beim sonntäglichen Kirchgang macht er in seiner ordensgeschmückten Paradeuniform eine gute Figur. Das Verhältnis der beiden Freunde erscheint den Kleinstädtern mehr als herzlich. Allein die Schwester des Apothekers, begreift was wirklich geschieht. Allein Sie kann die Frage beantworten, warum Agostin wirklich in den Ort zurückgekehrt ist. „Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen!“, lautet Ihre Antwort. Einen Tag vor dem Heiligen Abend reist Agostin ab. Die Apotheke und ebenso aller verwertbarer Besitz des Apothekers werden versteigert. Die drei Freunde des Apothekers bieten während der Auktion in der Apotheke kopfschüttelnd mit. Dr. Eberhard Hanff ersteigert die Punschschale.

Gehört
Sun Kil MoonUniversal Themes (Homepage) (Spotify)

Da hat er wieder einiges zu erzählen, der Herr Kozelek. Diesmal allerdings, überrascht er uns an einigen Stellen mit elektrisch verstärkten Instrumenten, ja sogar ein Schlagzeug hat sich auf dieses Album verirrt. Keine Sorge, es bleibt eine kurze Exkursion. Aber Kozelek hat den Stil von diesem wunderbaren Album des letzten Jahres noch einmal verfeinert. Musikalisch ist es komplexer geworden. Hier werden die Töne der Gitarren aneinander gereiht, dass sie zum Teil ein wenig an die progressiven Gitarrenparts der 70er Jahre erinnern. Interessant. Lyrisch ist das alles wieder schick, keine Frage. Diesmal handelt es sich wohl nicht um Geschichten aus seinem eigenen Leben, wie noch beim letzten Album, sondern um erfundene Geschichten, aber das schon bekannte Muster findet man recht schnell wieder. Menschen widerfahren Dinge, und die gilt es musikalisch zu untermahlen. Das macht Kozelek auch hier wieder hervorragend. Auch hier gelingt es ihm, mit seinen Geschichten toll zu unterhalten. Musikalisch ist das ganze erwachsen geworden, könnte man sagen. Könnte sein, dass das nicht allen gefällt. Kozelek bleibt sich treu ohne stehen zu bleiben. Das schaffen auch nicht gar zu viele.

Gesehen
Rita Staffel 1 (IMDb)

Rita ist eine dänische Fernsehserie, die es seit 2012 gibt. Es gibt 3 Staffeln zu je 8 Episoden. Seit 2015 ist die erste Staffel auch bei Netflix. Es geht um eine 42-jährigen Mutter und Lehrerin Rita Madsen. Dickköpfig, mit Autoritätsproblemen behaftet und auch sonst kein Mensch von Traurigkeit. Weder in ihrem Beruf, noch im sonstigen Leben. Rita ist geschieden und hat 3 Kinder: Ricco, Molly und Jeppe. Und dann ist da noch die Mutter von Rita, also die Großmutter der Kinder. Rasmus, der Direktor der Schule. Helle, die Vertrauenslehrerin. Hjørfis, die junge neue Lehrerin der Schule. Tom, der Vater Bittens. Und der Vater von Rosa. All diese Personen stehen im direkten oder indirekten Verhältnis zu Rita, und bringen das Leben eben jener ganz schön durcheinander. Und wenn sie es nicht machen, dann sorgt sie selber dafür, dass alles noch komplizierter wird, als es eh schon ist. Eine herrliche Komödie mit tollen Momenten. Es gibt lustige, tragische, traurige und komische. Es gibt hier keine Actionszenen, Explosionen oder schnell fahrende Autos. Dafür gibt es Menschen. Es geht um den ganz normalen, und nicht ganz so normalen Alltag dieser Menschen. Dänemark hat definitiv mehr zu bieten, als Halbfettmargarine und Lego. Filme und Serien kann es auch. Und wie! Sehenswert!

Empfehlungen
– 12.07.2015 um 17.05 Uhr Nordwestradio – Radio Tatort – Seltene Erden (Wiederholung am 13.07.2015 um 21.05 Uhr) Natürlich auch zum Download
Ab dem 18.07.2015 beginnt wieder das ARD-Radiofestival. Es geht bis zum 12.09.2015. In dieser Zeit findet es täglich auf den Sendern: Bayern 2, hr 2 Kultur, Kulturradio vom RBB, MDR Figaro, NDR Kultur, dem Nordwestradio, SR 2, SWR 2 und WDR 3 statt. Götz Alsmann wird durch das Programm führen.
AlgiersAlgiers (Homepage) (Spotify)
The VaccinesEnglish Grafitti (Homepage) (Spotify)

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115-Stefan Zweig, Rolf Kühn und Mad Max

Neuigkeiten

Am 02. Juni wäre Marcel Reich-Ranicki 95 Jahre alt geworden.
Dazu: Neue Ausgabe von ‘Das Literarische Quartett’
Edith Hancke ist gestorben
Neuste Ausgabe vom Bücherstadt Kurier Magazin ist da!

Gelesen
Stefan ZweigSchachnovelle (Spotify) (Bücherstadt Kurier)

Mal wieder eine Geschichte in der Geschichte. Es gibt einen Ich-Erzähler. Auf einem Passagierdampfer, der von New York nach Buenos Aires unterwegs ist, fordert der Millionär McConnor gegen ein Honorar von 250 $ den Schachweltmeister Mirko Czentovic zu einer Partie heraus. Da es nur ein Schachbrett auf dem Schiff gibt, spielen alle Anwesenden auf einmal gegen den Schachweltmeister. Der mitreisende Dr. B., ein österreichischer Emigrant, greift in der zweiten Partie beratend ein und erreicht so ein Remis für die Herausforderer. Eine gesamte Partie allein mag er aber nicht spielen.

Hier beginnt die Geschichte in der Geschichte. Dr. B wurde von der Gestapo verhaftet, die ihn in ein Hotelzimmer gesperrt und von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen hat. Es gelingt ihm ein Buch zu ergattern, welches sich als Schachbuch herausstellt, was 150 bekannte Partien beeinhaltet. Dr. B übte sich nun also in Blindschach, um sich so seine intellektuelle Widerstandskraft zu erhalten. Letztlich war er in der Lage, gegen sich selbst zu spielen. Durch diese einseitige geistige Anstrengung ergriff ihn ein Nervenfieber, weswegen man ihn entließ.

Nun spielt die Handlung wieder auf dem Anfangs erwähnten Schiff. Dr. B. spielt zum ersten Mal seit seiner Gefangenschaft wieder gegen einen tatsächlichen Gegner. Es geht ihm bei dieser Partie einfach nur darum, festzustellen, ob sein Tun damals während seiner Haft noch Spiel oder bereits Wahnsinn gewesen ist. Er schlägt den Weltmeister in der ersten Partie souverän, läßt sich aber, eigentlich gegen seinen Willen, auf eine Revanche ein. Während dieser zweiten Partie ergreift ihn wieder das Nervenfieber. Nun greift der Ich-Erzähler in das Geschehen ein, und erinnert Dr. B eindringlich an seine Krankheit, und daran, dass er eigentlich nur eine Partie spielen wollte. Dr. B bricht nun die Partie ab, entschuldigt sich bei allen und wird nie wieder ein Schachbrett berühren. Ein fesselndes Buch. Stefan Zweig beweist mal wieder, über wie viel Empathie er verfügte. Wahnsinnig einfühlsam. Großartig geschrieben. Die Schachnovelle ist zurecht eines der bekanntesten Bücher, die es gibt.

Gehört

Rolf Kühn Unit – Stereo (Homepage) (Spotify)

86 Jahre jung ist Rolf Kühn, und weil das so ist, hat er weitere junge Musiker um sich gescharrt. Namentlich sind das der 31-jährige Christian Lillinger (Schlagzeug), der 34-jährige Ronny Graupe (Gitarre) und der 53-jährige Johannes Fink (Bass). Also Menschen, die zum Teil durchaus als seine Enkelkinder durchgehen könnten. Die Jazzwelt ist jedesmal sehr gespannt, wenn einer der Größten unter ihnen ein neues Album herausbringt. Und was hier an Klang, an Kreativität und Arrangements zu hören ist, ist schon phänomenal. Mal abgesehen davon, dass alle Vier selbstverständlich ihr Handwerk perfekt beherrschen, ist dieses Album eine Wucht an Melodien, Kompositionen und Klängen. Und alles wird von dieser Klarinette umrahmt, die mit einer Souveränität und Leichtigkeit daherkommt, dass es einem den Atem verschlägt. So spielt eben kein anderer die Klarinette. Dass Rolf Kühn in der Lage ist, die richtigen Musiker für so ein Projekt zusammenzusuchen, beweisen die drei anderen, die einen nicht geringen Teil dazu beitragen. Ein phantastisches Jazzalbum. Der Jazz ist ja gerade wieder ein wenig in. Er scheint ein wenig wiederzukommen. Auf jeden Fall finden im Moment unfassbar viele spannende Sachen in diesem Genre statt. Dieses hier ist so eine spannende Sache.

Gesehen

Mad Max: Fury Road (IMDb)

Manchmal muss man einfach direkt sein: Mad Max ist der beste Actionfilm des Jahres! Ach, des Jahrzehnts. Ehrlich, da fehlt es an nichts: Die Optik ist grandios, wozu nicht nur die Wüste und das für Mad Max typische, abgefahrene Kostümdesign beitragen, sondern vor allem die vielen praktischen Stunts. Wir dachten nach CGI-Schlachten wie Avengers, dass wir schon alles gesehen haben – haben wir nicht! Ohne CGI, stellt sich raus, sehen Explosionen nämlich immer noch tausendmal besser aus und wenn 100 Leute tatsächlich stundenlang an ihre Fahrzeuge gekettet durch die Wüste wuseln, sieht man ihnen das sehr deutlich an.

Aber auch der Rest der Mischung stimmt: Die Schauspieler sind erste Sahne. Der Soundtrack vermittelt in guter Balance den Grandeur der Kulisse, den Größenwahn Imorten Joes, die innere Verbissenheit unserer Helden und Heldinnen wie auch Spaß und Kampfeslust der Warboys. Trotz 90 Minuten Wüstenroadtrip gibt es tatsächlich eine Story, sie macht sogar Sinn und hat eine vertretbare Aussage (!), und dann geht er auch noch vorbildlich mit seinen weiblichen Figuren um (!!) – was kann man sich in einem Actionfilm mehr wünschen? Endlich mal wieder ein Kinofilm, bei dem man schon nach der Hälfte weiß, dass man mindestens noch zweimal reingehen muss. Großes Kino!

Empfehlungen

Erster Teil 13. Juni + Zweiter Teil 20. Juni 0.00 Uhr DLF – Mitternachtskrimi – Paul Temple und der Fall Gregory (von und mit Pastewka) Oder als Download: Teil 1 | Teil2
Am 14. Juni 17.05 Uhr Nordwestradio – Brändles Nichte (Radio-Tatort)
Matana Roberts –  (Homepage) Coin Coin Chapters I (Spotify) II (Spotify) III (Spotify)

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104-Rheinsberg, My Chet und Paare auf der Couch

Neuigkeiten

Grammys wurden verliehen

Hund Spot leitet eine neue Ära von Robotern ein

Spotify-Update: 73 Prozent geht an die Musikindustrie, 2,08 Euro bleiben bei Spotify

Gelesen

Kurt TucholskyRheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte (24 Seiten kurz)

Es handelt sich um eine Erzählung vom dreitägigen Ausflug zwei Verliebter, Claire und Wolfgang, die mit dem Zug nach Rheinsberg fahren, um dem Berliner Alltag zu entfliehen. Da das Reisen eines unverheirateten Paares zu Zeiten der Weimarer Republik als ungehörig galt, geben die beiden sich während des dreitägigen Ausfluges als Ehepaar Gambetta aus. Die beiden spielen die Rolle des Ehepaares nicht ohne die Ironie zu kurz kommen zu lassen. Sie absolvieren so ziemlich das komplette Touristenprogramm Rheinsbergs der damaligen Zeit. Sie besichtigen das Schloss, machen Bootstouren auf den dort befindlichen Seen, gehen ins Kino, was damals noch „Kinematograph“ heiß und entdecken die Natur mit den Augen zweier Großstadtmenschen. Nach einem letzten Spaziergang durch den Park fahren sie mit dem Zug zurück nach Berlin. Dort angekommen, sind sie nicht mehr verheiratet, und müssen die Regeln der damaligen Welt einhalten. Von gemeinsamen Spaziergängen zu sehnsüchtigen Telefongesprächen, von redseligen Kinogängen in denen Claire andauernd Fragen stellt, zu verschwiegenen Nachmittagen. Aber immerhin auch letztlich in “das ganze Glück ihrer großen Liebe.“ Eine wunderschöne Erzählung über zwei Menschen aus einer anderen Zeit, die für eine kurze Zeit ausbrechen, nur um anzukommen. Was an dieser Erzählung noch toll ist, ist dass hier eine Sprache verwendet wird, die damals in der Literatur nicht zu finden war, die Umgangssprache. Außerdem sind die Dialoge bisweilen von ausgeprägtem Sarkasmus und Ironie durchzogen.

Gehört

Ricardo Del Fra (Homepage)/Airelle Besson (Homepage) – My Chet My Song (Spotify)

Chet Baker war einer der begnadetsten Musiker, und neben Miles Davis, Louis Armstrong und Dizzy Gillespie wohl der bekannteste Jazztrompeter. Die Songs dieses Musikers sind es, die auf diesem Album interpretiert wurden. Vergangenheit meets Gegenwart, könnte man sagen. Die Songs waren auch in der Interpretation des Herrn Baker toll, aber das war eben früher. Hier haben sich Musiker aufgemacht die Songs des Herrn Baker zu spielen, zu interpretieren und Ihnen ein wenig Gegenwart einzuhauchen, ohne dabei den Respekt vor dem eigentlichen Song zu verlieren. Neben Airelle Besson sind es Pierrick Pédron, Bruno Ruder, Billy Hart und Torsten Scholz die diese Aufnahme zu dem machen was sie ist. Ein Sextett, was sich bisweilen nach viel mehr anhört. Moderner, hörbarer Jazz, der mit Songs aus der Vergangenheit zeigt, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Gesehen

Berlinale 2015 Paare – Eine Kurzfilmreihe auf der Couch auf ARTE

10 verschiedene 3 Minütige Kurzfilmchen sind es, die hier mit jeweils verschiedenen Besetzungen gefilmt wurden. Alle sitzen samt und sonders auf einer Couch, erzählen eine kleine Geschichte, erklären sich oder rechtfertigen die eine oder andere Haltung. Äußerst unterhaltsame Serie, mit Schauspielern wie Nora Tschirner, Christian Ulmen, Katja Riemann oder Dominique Horwitz.

Empfehlungen

Jazzchor Freiburg (Homepage) (Spotify)

Marius Neset (Homepage)/Trondheim Jazz Orchestra (Homepage) – Lion (Spotify)

Radio Tatort. Der ist gemeinhin besser als der im Fernsehen.

– U.A. das  Nordwestradio übertragt ihn einmal im Monat, womit die nächste Empfehlung ausgesprochen wäre.

Die Bremer Philharmoniker versuchen Schubert zu spielen, und die Fadista Mísia singt danach hübsch. Wenn beide zusammen Musik machen, ist das richtig toll!

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