Episoden

  • 107-Neil Gaiman, The Unthanks und Sleepy Hollow

    Neuigkeiten
    Domian hört auf.
    Terry Pratchett ist tot
    Star Wars – Episode VIII kommt am 26. Mai 2017 in die Kinos 

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    Neil GaimanThe Ocean at the End of the Lake

    Da möchte Neil Gaiman seiner Frau in ihrer Abwesenheit eine kleine Novelle schreiben – und was kommt heraus? Ein Roman. The Ocean at the End of the Lane handelt von einem namenlosen Mann, der zum Anlass einer Beerdigung in die Gegend zurück kommt, in der er aufgewachsen ist. Als Junge hat er hier eine gewisse Lettie Hempstock kennen gelernt, die behauptete, ihr Teich sei ein Ozean und ihm half, sich und seine Familie vor einem größenwahnsinnigen Monster aus einer anderen Welt namens Ursula Monkton zu bewahren.

    Gaiman versteht es wie kein zweiter, Märchenelemente zu gleichsam wundervollen wie verstörenden Geschichten zu schreiben und dabei durch seine vielschichtige, clevere Erzählweise den Leser tief hineinzuweben. The Ocean at the End of the Lake (zu Deutsch einfach: Der Ozean am Ende der Straße) ist eine Geschichte über den Bruch zwischen Kindheit und Erwachsensein und die Märchen, die wir uns darüber lieber erzählen als die Wahrheit, die zu vergessen wir mit der Zeit erschreckend gut meistern. Die „Monster unter dem Kinderbett“, die immer näher sind, als wir es wahr haben wollen, sind Gaimans Spezialität und mit diesem Roman legt er ein (weiteres) Meisterwerk seines Könnens vor.

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    The UnthanksMount in the Air (Homepage) (Spotify)

    Ein wenig Jazz und viel Folk wird auf diesem Album in wundersamer Weise kombiniert. Allerdings ist man weniger auf der Sonnenseite der Musik unterwegs. Auf diesem Album geht es traurig und dunkel zu. Sollte sich doch einmal ein Dur Akkord in ein Lied verirren, lauert schon der Moll-Akkord an der nächsten Ecke, um dem Spuk des Dur ein jähes Ende zu bereiten. Textlich geht es auf diesem Album ebenfalls dunkel, tragisch, bitter und melancholisch zu. Traditionelle Geschichten vermischt mit traditionellen Gesang und modernen Arrangements, dazu noch eine Prise Miles Davis Cool Jazz Sound. Das sind die Zutaten, die auf diesem Album zum tragen kommen. Was dabei rauskommt ist ein sehr spannendes Album mit Stücken die auch mal bis zu 10 Minuten lang sein dürfen. Aufgenommen wurde das ganze in einem alten Getreidespeicher. Selten wurde alt und neu so spannend, so neu und doch so traditionell verpackt. Ein spannendes Album. Wenn Antony and the Johnsons und Miles Davis sich getroffen hätten, und sie hätten beschlossen gemeinsam ein traditionelles Folkalbum aufzunehmen, wäre vielleicht so was ähnliches wie dieses Album dabei herausgekommen.

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    Sleepy Hollow (IMDb)

    Übernatürliche Dramen sind ein Genre, das dank besser bezahlbarer CGI und höheren Serienbudgets in den Studios in den letzten 10 Jahren viele gute Geschichten mit riesigen Fanzahlen hervorbringen konnte. In diesem Kontext entstand bei Fox vor eineinhalb Jahren Sleepy Hollow. Die Serie folgt Ichabod Crane, gespielt von Tom Mison, der im Jahre 1781 als Spion für George Washington den sogenannten Kopflosen Reiter tötete – und zwar im selben Moment, wo dieser wiederum ihn tötete. 230 Jahre später weilt Ichabod plötzlich wieder unter den Lebenden, als jemand den Kopflosen, einer der vier Apokalyptischen Reiter, heraufbeschwört. Polizistin Abbie Mills gerät in die Geschichte, als der Reiter ihren Partner tötet und tut sich mit Ichabod zusammen, um weitere Morde und – wie könnte es anders sein – gleich auch das Ende der Welt zu verhindern.

    Die Witze rund um Crane’s veraltetes Weltbild fallen weniger flach aus als erwartet, auch wenn er sich zunächst wundert, wie eine Frau, noch dazu eine schwarze, erstens Polizistin werden und zweitens ihm auch noch Befehle geben darf. Tatsächlich wird es bei seiner Arbeit aber mit der Zeit eine seiner zentralen Stärken, dass er die Welt eben anders sieht als ein Mensch aus dem 21. Jahrhundert. Leider trösten die beiden tatkräftigen Hauptfiguren nicht über den restlichen furchtbar austauschbaren Cast (Ausnahme: John Cho) und die etwas wirren weil sehr vollgestopften Drehbücher hinweg. Sleepy Hollow ist sicherlich ein Augenschmaus für Freunde des Gruselhorrors und origineller Actionszenen, in der Königsliga der TV-Dramen spielt es aber – noch – nicht mit.

    Empfehlungen
    Sasha Siem – Most of the Boys (Homepage) (Spotify)
    Katzenjammer – Rockland (Homepage) (Spotify)
    Desiree Klaeukens – Wenn die Nacht den Tag verdeckt (Homepage) (Spotify)
    Peaky BlindersARTE

  • 106-Jochen Distelmeyer und Robert Schumann

    Neuigkeiten

    Fritz J. Raddatz gestorben.
    Mr. Spock ist ebenfalls tot.
    ESC-Vorentscheid-Teilnehmer mag nicht, oder so
    Richtigstellung bezüglich Suhrkamp und Baal.

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    Jochen Distelmeyer – Otis

    Das Buch ist benannt nach ‚Outis‘ (griechisch für ‚Niemand‘), eines Namens dessen sich Odysseus in Homers gleichnamigen Epos gegenüber dem Zyklopen Polyphemus bemächtigt hat, um dem sicheren Tode zu entgehen. Die Handlung spielt im Jahre 2012. Der Hauptcharakter in dem Buch heißt Tristan, ein nach der Trennung von seiner großen Liebe Saskia von Hamburg nach Berlin Geflohener. Er versucht sich dort als Buchautor und schreibt an einem Roman, der die ­Geschichte eines Programmierers erzählt, welcher wegen einer illegalen Filesharing-Plattform auf der Flucht ist. Das ganze soll obendrein mit Homers „Odyssee“ verwoben werden. Und auch für die kleinen und größeren Ereignisse im seinem echten Leben findet Tristan immer eine entsprechende Begebenheit oder Figuren in Homers Epos. Doch das Schreiben des Romans gestaltet sich als viel schwieriger als angenommen. Sei es durch Baulärm, durch seine verwöhnte Cousine Juliane, um die er sich kümmern muss, weil er sich bei deren Vater, einem Düsseldorfer Rechtsanwalt, Geld leihen musste oder durch das Treffen mit einem potentiellen Verleger, welches für ihn zum Fiasko wird. Doch nicht nur das drohende Scheitern seines Buchprojekts macht Tristan zu schaffen. Da ist auch noch die Abschiedsparty seines Kumpels Ole, der mit seiner Frau in die USA auswandert, bei der verschiedene Liebschaften Tristans aufeinandertreffen. Ein Berlin-Roman der keiner ist. Ein Roman in dem der Protagonist ständig unterwegs ist, um anzukommen, aber nie dahin kommt wo er hin will, sich immer wieder verläuft. Eben eine Odysee. In die Handlung werden immer wieder Essays geschickt eingebunden und aneinandergereiht. Haben Blumfeld-Fans auf den letzten Alben der Band das Politische vermisst, hier werden sie bedient. Haltung findet man in diesem Buch zu Genüge. Es wird aber nie anstrengend, es lässt sich leicht lesen. Ein ereignisloser Roman voller kleiner und größerer Ereignisse. Man interessiert sich für das was noch kommt, auch wenn das was dann kommt manchmal recht banal ist, so hat man trotzdem nie das Gefühl, nicht weiterlesen zu wollen. Der Roman hat eine bemerkenswerte Rhythmik. Man merkt dem Roman den Musiker Distelmeyer an. In den Feuilletons wurde der Roman eher mit großer Zurückhaltung aufgenommen -zu Unrecht. Manchmal vergessen die Feuilletons dieser Welt, dass die meisten Bücher vor allem die Menschen unterhalten sollen. Dieses Buch unterhält.

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    Paavo Järvi (Homepage)/Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Homepage) – Schumann Symphonien

    Was wurde nicht schon an Schumanns Werken herumretuschiert. Mahler orchestrierte die Symphonien neu, weil sie seiner Meinung nach so schlecht instrumentiert waren, dass man sie so nicht aufführen sollte. Die Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi beweist hier nun das Gegenteil, indem sie die unbearbeiteten Originale spielen. Wenn das Orchester nämlich nicht so groß dimensioniert ist, wie es bei Mahler nunmal der Fall war, was auch der Zeit geschuldet war, dann funktioniert das alles wunderbar, und es ist überhaupt keine Schwäche in der Instrumentierung zu finden. Im Gegenteil. Eine wunderbare Transparenz kommt hier zum Vorschein, wie sie auch schon bei der Beethoven-Einspielung zu hören war. Schumann war ein Meister der Dynamik. Und genau das kann die Bremer Kammerphilharmonie umsetzen wie kaum ein zweites Orchester. Ob sanft, leise und zerbrechlich oder laut, stark und robust. Beides ist kein Problem. Weder für den Komponisten noch für die Künstler, die es aufführen. Paavo Järvi und der Kammerphilharmonie Bremen ist es gelungen, den Symphonien Schumanns den Klang zu geben, den sie brauchen. Das Detailreichtum was sie benötigen. Die Größe die sie brauchen, ohne sie künstlich aufzublasen. Zuletzt seien die einzelnen Instrumentalisten hervorgehoben. Was hier spielt darf sich mit fug und recht als grandioser Musiker bezeichnen lassen, aber erst wenn alle zusammen mit Paavo Järvi dieses Orchester bilden, wird daraus das, was es im Moment ist. Einer der zu Zeit weltbesten Klangkörper. Diese Aufnahme gehört zum Besten der Besten. Sie wird wieder einmal bei vielen als Referenz gelten. Zurecht!

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    Dazu: Paavo Järvi und die Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Pier 2.
    Teil 1
    Teil 2

    Empfehlungen

    Maximilian HornungHaydn & Azarashvili Cello Concertos (Spotify)
    Tony Dekker – Prayer of the Woods (Homepage) (Spotify)
    Will Butler – Policy (Homepage) (Spotify)
    Tommy Wosch interviewt Sarah Kuttner

  • 105-Heimsuchung, Kante und das Mad Fat Diary

    Neuigkeiten

    Brecht, Baal und der Suhrkampverlag. 
    Blur veröffentlichen neues Album nach 12 Jahrten Pause

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    Jenny ErpenbeckHeimsuchung

    Jenny Erpenbeck war schon immer gut darin, die Vergangenheit neu zu verpacken und so erfahrbar zu machen, wie es nur wenige können. Aber die Rede ist nicht von römischen Imperatoren und mittelalterlichen Rittern – in “Heimsuchung” geht sie der Geschichte eines Hauses auf die Spur, in dem sie als Kind bei ihrer Großmutter viele schöne Sommer verbracht hat. Dieses Haus mit der bunten Glastür und das Grundstück am Scharmützelsee hat aber wesentlich mehr zu bieten als nostalgische Kindheitsträume. Erpenbeck schafft es, in der ihrer Figuren ganz eigenen Sprache – erzählend, folkloristisch, vielstimmig, fragmentiert und manchmal leicht entrückt -, auf die man sich eine lange Weile zunächst einfach einlassen muss, die sehr verschiedenen Bewohner und ihre Geschichten in ihrer ganze Komplexität nachdrücklich und berührend zu zeichnen.
    Dieses Buch enthält echte Menschen. Echt nicht nur, weil sie historisch belegt sind, sondern vor allem, weil man sie beim Lesen erfühlt und erfährt, nahezu wertungsfrei. Weil sie einen mitnehmen und abstoßen. “Heimsuchung” ist ein Roman, der wegen seines Realismus eigentlich nicht für Eskapismus taugen sollte und doch so weit weg entführt. Diese 200-seitige Suche nach Heimat ist nicht immer leicht – selten sogar -, doch die Reise lohnt sich.

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    Kante – In der Zuckerfabrik (Homepage) (Spotify)

    Sieben Jahre mussten Kante Fans auf eine neue Studioeinspielung der Band warten. Neue Songs sind aber auf diesem Album nicht zu hören, sondern Songs die Kante in den letzten Jahren für Theaterproduktionen geschrieben haben. Neu ist nur, dass sie im Studio eingespielt wurden. Nichts desto trotz erkennt man die Mischung aus Rock, Jazz, Pop, Indie und Alternative sofort wieder. Extrem elaboriert kommt die Musik auf diesem Album daher. Klangcollagen sind hier genau so zu hören, wie ruhige Klavierpassagen. Das ist keine Musik zum Nebenbeihören. Dass die Mitglieder der Band ihr Handwerk beherrschen wird auf diesem Album sehr deutlich. Das was auf diese Album passiert, kann man getrost als Kunst bezeichnen. Und trotzdem entstanden tolle Songs, welche, wie schon erwähnt, aus verschiedenen Theaterproduktionen stammen. Man hört diesem Album das Theater an. Hier wird eine Atmosphäre geschaffen, die sofort ans Theater denken lässt. Kante-typisch ist auch dieses Album von Schwermütigkeit getränkt. Kante-Fans werden feiern, aber auch andere sollten diesem Album eine Chance geben. Wer Blumfeld oder Tocotronic mag, sollte sich dieses Album unbedingt anhören. Wer elaborierte, leicht verschrobene und anspruchsvolle Musik mit hübschen Texten mag, kommt an diesem Album nicht vorbei.

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    My Mad Fat Diary (IMDb)

    My Mad Fat Diary ist eine Serie, wie sie britischer nicht sein könnte. Es handelt sich um die Tagebücher der jugendlichen Rae Earl, die nach schweren psychischen Problemen pünktlich zu den Sommerferien aus der Klinik entlassen wurde. Sie findet, zu ihrem eigenen Erstaunen, schnell Anschluss, verliebt sich, lernt sich selbst wertzuschätzen – oder versucht es. Obwohl es ihr, trotz laufender Therapie, sehr, sehr schwer fällt. Rae ist stark übergewichtig, wobei ihre fürchterliche Mutter nicht gerade hilfreich ist, sie hat laufend Liebeskummer und fürchtet, dass sie niemals Sex haben wird. Dass sie mitten in der Pubertät steckt, macht diese Probleme noch einmal ungefähr zweihundertausend Mal schlimmer… aber wenigstens gibt es noch Oasis und ihre große Leidenschaft, die Musik. Was diese Memoiren einer pubertären, dicken, unheimlich coolen jungen Frau ausmacht, ist der trockene und schwarze Humor, die Nähe, die man zu Rae aufbauen darf, der ehrliche Umgang mit psychischen Krankheiten und der einzigartige Stil, in dem ihre Tagebuch-Kritzeleien die Szenen optisch bereichern und für weitere Lacher und Schmunzler sorgen. Ein Geheimtipp, den man auf keinen Fall verpassen sollte, wenn man britisches Fernsehen mag. Die dritte und letzte Staffel erscheint dieses Jahr!

    Empfehlungen

    NDR Bigband (Homepage) und Christof Lauer (Homepage) – Petit Fleur (Spotify)
    Deichkind – Wieso, Weshalb, Niveau (Homepage) (Spotify)

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  • 104-Rheinsberg, My Chet und Paare auf der Couch

    Neuigkeiten

    Grammys wurden verliehen

    Hund Spot leitet eine neue Ära von Robotern ein

    Spotify-Update: 73 Prozent geht an die Musikindustrie, 2,08 Euro bleiben bei Spotify

    Gelesen

    Kurt TucholskyRheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte (24 Seiten kurz)

    Es handelt sich um eine Erzählung vom dreitägigen Ausflug zwei Verliebter, Claire und Wolfgang, die mit dem Zug nach Rheinsberg fahren, um dem Berliner Alltag zu entfliehen. Da das Reisen eines unverheirateten Paares zu Zeiten der Weimarer Republik als ungehörig galt, geben die beiden sich während des dreitägigen Ausfluges als Ehepaar Gambetta aus. Die beiden spielen die Rolle des Ehepaares nicht ohne die Ironie zu kurz kommen zu lassen. Sie absolvieren so ziemlich das komplette Touristenprogramm Rheinsbergs der damaligen Zeit. Sie besichtigen das Schloss, machen Bootstouren auf den dort befindlichen Seen, gehen ins Kino, was damals noch „Kinematograph“ heiß und entdecken die Natur mit den Augen zweier Großstadtmenschen. Nach einem letzten Spaziergang durch den Park fahren sie mit dem Zug zurück nach Berlin. Dort angekommen, sind sie nicht mehr verheiratet, und müssen die Regeln der damaligen Welt einhalten. Von gemeinsamen Spaziergängen zu sehnsüchtigen Telefongesprächen, von redseligen Kinogängen in denen Claire andauernd Fragen stellt, zu verschwiegenen Nachmittagen. Aber immerhin auch letztlich in „das ganze Glück ihrer großen Liebe.“ Eine wunderschöne Erzählung über zwei Menschen aus einer anderen Zeit, die für eine kurze Zeit ausbrechen, nur um anzukommen. Was an dieser Erzählung noch toll ist, ist dass hier eine Sprache verwendet wird, die damals in der Literatur nicht zu finden war, die Umgangssprache. Außerdem sind die Dialoge bisweilen von ausgeprägtem Sarkasmus und Ironie durchzogen.

    Gehört

    Ricardo Del Fra (Homepage)/Airelle Besson (Homepage) – My Chet My Song (Spotify)

    Chet Baker war einer der begnadetsten Musiker, und neben Miles Davis, Louis Armstrong und Dizzy Gillespie wohl der bekannteste Jazztrompeter. Die Songs dieses Musikers sind es, die auf diesem Album interpretiert wurden. Vergangenheit meets Gegenwart, könnte man sagen. Die Songs waren auch in der Interpretation des Herrn Baker toll, aber das war eben früher. Hier haben sich Musiker aufgemacht die Songs des Herrn Baker zu spielen, zu interpretieren und Ihnen ein wenig Gegenwart einzuhauchen, ohne dabei den Respekt vor dem eigentlichen Song zu verlieren. Neben Airelle Besson sind es Pierrick Pédron, Bruno Ruder, Billy Hart und Torsten Scholz die diese Aufnahme zu dem machen was sie ist. Ein Sextett, was sich bisweilen nach viel mehr anhört. Moderner, hörbarer Jazz, der mit Songs aus der Vergangenheit zeigt, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

    Gesehen

    Berlinale 2015 Paare – Eine Kurzfilmreihe auf der Couch auf ARTE

    10 verschiedene 3 Minütige Kurzfilmchen sind es, die hier mit jeweils verschiedenen Besetzungen gefilmt wurden. Alle sitzen samt und sonders auf einer Couch, erzählen eine kleine Geschichte, erklären sich oder rechtfertigen die eine oder andere Haltung. Äußerst unterhaltsame Serie, mit Schauspielern wie Nora Tschirner, Christian Ulmen, Katja Riemann oder Dominique Horwitz.

    Empfehlungen

    Jazzchor Freiburg (Homepage) (Spotify)

    Marius Neset (Homepage)/Trondheim Jazz Orchestra (Homepage) – Lion (Spotify)

    Radio Tatort. Der ist gemeinhin besser als der im Fernsehen.

    – U.A. das  Nordwestradio übertragt ihn einmal im Monat, womit die nächste Empfehlung ausgesprochen wäre.

    Die Bremer Philharmoniker versuchen Schubert zu spielen, und die Fadista Mísia singt danach hübsch. Wenn beide zusammen Musik machen, ist das richtig toll!

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  • 103-Lou Salomé, The Decemberists und Jophi Ries

    Neuigkeiten

    Teuerstes Kunstwerk der Welt ist jetzt ein Bild von Paul Gauguin

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    Lou Andreas-Salomé oder „Die Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen“, Essay von Christa Bürger

    Christa Bürger erzählt uns, ganz in der Art einer Literaturprofessorin, die sie ist, vom Leben der Lou Salomé, die wir letzte Woche in “Und Nietzsche weinte” kennenlernen durften. Lou Salomé war eine für ihre Zeit außergewöhnlich ungewöhnliche Frau, die zeitlebens versuchte, der Ehe zu entfliehen und die Freiheit zu finden. Und auch wenn die Ehe sie fand und sie erst viel später die Liebe – nicht zu ihrem Mann, aber zum jungen Rainer Maria Rilke -, so hinterlässt sie ein Werk, dass ihr Leben und ihr Streben nach Wissen und Wahrheit abbildet. Ihre “Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen” beschreibt Bürger als “wahr sein und werden”, als Freiwerden durch Selbstfindung, als Nietzsches “werden, wer man ist”.

    Gehört

    The DecemberistsWhat a terrible World, What a beautiful World (Homepage) (Spotify)

    Über eineinhalb Jahre hat es gedauert bis das Album aufgenommen und fertig gestellt wurde. Sie haben sich für die einzelnen Songs sehr viel mehr Zeit genommen, als bei vorherigen Aufnahmen. Es dürfte u.a. daran liegen, dass die Texte, und somit natürlich auch die Songs, sehr viel persönlicher sind als das was The Decemberists vorher machten. Man findet Texte auf diesem Album, in denen es um die Familie geht, um die Karriere und um das Älterwerden. Im Grunde also das Gegenteil von dem was wir vor kurzem bei Dan Mangan hatten, der mit dem neuen Album viel weniger persönlich war als zuvor. Musikalisch ist es eine Mischung aus Folk und Pop. Bittersüß ist eine passende Beschreibung für das was da passiert. Hübsche Popmusik mit Folkeinschlag und dazu diese persönlichen, zum Teil sehr traurigen Texte. Musikalisch tut dieses Album sehr viel weniger weh als lyrisch. Wenn man beides zusammenfügt, entsteht ein sehr schönes Album zum Zuhören.

    Gesehen

    Immer – Kurzfilm mit Walter Giller und Nadja Tiller. Regie Jophi Ries

    Ein Kurzfilm über ein Ehepaar, was schon sehr lange verheiratet ist. Alles ist seit Jahren eingespielt. Man geht essen, und anschließend wird getanzt. Doch an diesem Tag scheint alles anders. Der Mann stellt fest, dass er offensichtlich mehr Zeit für sich braucht, nur um dann festzustellen, dass er gar nichts braucht, außer das was er hat. Ein Film über das Angekommensein. Über das Sich-Bewusstwerden, dass man alles hat was man mag, aber es offensichtlich vergessen hat, was zu Unsicherheit führt. Was aber am Ende zu mehr Sicherheit denn je führt.

    Empfehlungen

    Götz Alsmann – Am Broadway (Homepage) (Spotify)

    The CharlatansModern Nature (Homepage) (Spotify)

     

    Anschließend: Unsere Antworten zum Liebster Award. Nominiert wurden wir von den Kulturpessimisten.

  • 102-Nietzsche, Private Musick und Göhte

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    Irvin D. YalomUnd Nietzsche Weinte

    Ein unglaubliches Buch, diese unscheinbare Geschichte über große Denker mit dem betörend schönen Cover. Ein erfolgreicher Wiener Doktor namens Breuer findet sich in den 1880er Jahren – durch die Überzeugungskraft einer ungewöhnlich bestimmten Frau in diese Situation gebracht – als „heimlicher“ Therapeut eines gewissen Friedrich Nietzsche wieder. Dieser leidet unter schrecklichen Migräneanfällen und hunderten damit verbundenen Leiden. Doch diese sind vor allem das Symptom einer ganz anderen, viel verbreiteteren Krankheit: Der Verzweiflung. Als erster Arzt, der mit der sogenannten „Redekur“ bereits erfolgreich Patienten heilte, setzt er sich nun das hohe Ziel, mit gänzlich neuen Methoden auch Nietzsche zu behandeln – und kuriert sich dabei ganz unbeabsichtigt selbst.

    Dass die tiefgründigen Gespräche begabter Denker viel Stoff für gute Bücher bieten, ist nicht verwunderlich. Das Grundmotiv “Werde der, der du bist” wird hier zum philosophischen Licht am Ende des Tunnels – nichts Geringeres als der Sinn des Lebens wird hier, nahezu heimlich, verhandelt. Und wie Breuer mag so mancher sich dabei langsam und unbemerkt vom Leser zum Gelesenen gewandelt fühlen. Yalom widmet sich der, ebenfalls heimlichen, Psychotherapie seiner gesamten Leserschaft. Dies ist eines der allzu raren Bücher, die das Potenzial haben, das Leben ihrer Leser/innen nachhaltig zu verändern.

    Gehört

    Dorothee Oberlinger (Homepage)/Vittorio Ghielmi (Homepage) – The Passion of Musick (Spotify)

    Dorothee Oberlinger und Vittorio Ghielmi präsentieren Musik aus dem 17. Jahrhundert Englands. Beide bringen ihre jeweiligen Ensembles mit. Das Ensemble 1700 und das Ensemble Il Suonar Parlante. Alles was im 17. Jahrhundert in England so in war, kommt hier vor. Eine große Bandbreite der Musik wird einem hier auf historischen Instrumenten dargeboten. So geht es denn auch vom eher gediegenen Barock, bis zu Stücken die ganz klar von der keltischen Musik inspiriert wurden. Das England des 17. Jahrhunderts war geprägt von so genannter ‚Private Musicke‘, das war Kammermusik die von Menschen gemacht wurde, die sich die Instrumente leisten konnten, auf denen gespielt wurde und die die entsprechenden Räumlichkeiten zur Verfügung hatten. Flöten, Harfe und Viola waren besonders angesagt zu dieser Zeit. Kompositionen von Werken der damals angesagten Komponisten Matthew Locke, Tobias Hume, John Adams, Henry Purcell oder Orlando Gibbons kann man hier hören. Und die haben sich an der Musik bedient die damals so ‚in‘ war. Eingängige Melodien, traditionelle Tänze und Lieder aus der keltischen Musik waren die bevorzugten Quellen, derer man sich bediente. All das kann man auf dieser Aufnahme hören. Alte-Musik auf historischen Instrumenten, die mal nicht Bach, Händel oder Vivaldi zelebriert, sondern Musik die Alt ist, aber für viele wahrscheinlich trotzdem neu sein wird.

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    Fack Ju Göhte (IMDb)

    Wer mal wieder richtig herzhaft einen ganzen Film lang lachen will, ist hier richtig aufgehoben. In Fack Ju Göhte geht es um Zeki Müller, gespielt vom großartigen Elyas M’Barek, der nach einem Bankraub gerade aus dem Gefängnis kommt und nun seine vorher vergrabene Beute holen will. Blöd nur, dass die Goethe Gesamtschule in der Zwischenzeit ihren Neubau auf genau diese Stelle gesetzt hat. So findet sich Zeki plötzlich als Aushilfslehrer wieder, der sich die Nächte damit um die Ohren schlägt, heimlich einen großen Tunnel unter der Schule zu graben. Als Schulabbrecher fällt ihm das erst nicht leicht, durch seine Erfahrung mit dem Aufwachsen auf der Straße hat er aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber den spießigen Lehrer/innen: Er macht sich keine Sorgen um Regeln und Anweisungen, sondern begegnet besonders den schwierigen Schülern auf Augenhöhe, selbst der berüchtigten 10b. Danach verliert es sich ein wenig zwischen kitschiger Lehrer-rettet-Problemschüler-und-alles-wird-gut-Geschichte und Lovestory, bleibt aber durchgehend unheimlich lustig, mit tollen Schauspielern (z. B. Katja Riemann und Karoline Herfurth) und liebevollen Details. Hier waren Menschen mit viel zwiespältiger Liebe für Schule und Jugend am Werk, und selbst die Drehbuchautoren haben am Ende “echte” Jugendsprache gelernt. Übrigens ist für 2015 ein zweiter Teil angekündigt!

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